REVIEW, TOP THEMA

ANDREAS‘ fast unpolitischer Jahresrückblick 2023

2023: 5,5 Jahre 2. Liga, 46 Jahre „deutscher Herbst“, 56. Todestag von Benno Ohnesorg, 75 Jahre Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, 152 Jahre Pariser Kommune, 234 Jahre französische Revolution.

Im März 2020 hörte die Lindenstraße auf, ihr wisst was kam (Corona, Krieg, Inflation). Im Dezember 2023 hörte „Wetten dass“ auf, ich krieg Angst.

Das Tier des Jahres wurde diesmal kein in heimischen 4 Wänden tanzender Moloch, sondern der possierliche Gartenschläfer.

Einzeller des Jahres wurde…. Bei über 8 Milliarden Bewerbern fiel die Wahl auf keinen Zweibeiner, sondern auf das grüne Gallertkugeltierchens (Ophrydium versatile).

Baum des Jahres wurde die Moorbirke.

Das Braunkehlchen wurde Vogel des Jahres. Quasi änderte die Kehle im Vergleich zu 2021 nur ihre Farbe. Ich verbitte mir jeder politische Assoziation.

Das Landkärtchen wurde Insekt des Jahres. In Zeiten des Navis eine höchst interessante Würdigung.

Unsere Ampel… Ich hab mir immer eine Ampel als Regierung gewünscht. Aber bitte doch eine Fußgängerampel. Zudem würde es viel bessere und lustigere Kopfkinos beherbergen, nach dem Motto, die Ampelmännchen streiten sich. Ein Treppenwitz der Geschichte ist, dass der beste Ampelsong ausgerechnet von der Band „DER PLAN“ kam.

Der Farbenlehre nicht genug kommt: Die CDU kommt mit „Cadenabbia-Türkis“ und „Rhöndorf-Blau“ um die Ecke. Jetzt passt nicht nur der AFD-Penis perfekt auf den konservativen Dreizack, auch die farbliche Abhebung passt sich in umarmender Weise an.

Vor 75 Jahren wurde am 10. Dezember 1948 die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ verkündet. Und ich behaupte immer noch, dass Artikel 1 unseres Grundgesetzes gegen Artikel 1 der „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ wie eine billige Floskel daherkommt. Hier der Artikel im vollen Wortlaut:
«Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.»
…und die allgemeine Erklärung beinhaltet keinen konservativen, neoliberalen Unsinn wie die Schuldenbremse.

 

ZUM SPOCHT:
Sensationell wurden die Basketballer Weltmeister, nur knapp das Vize davor bekam die Eishockey-Nationalmannschaft.
Die Zweite Liga ist wie backen ohne Ofen -> teigig zäh, spart mir aber monatlich fast 30 Euro.

 

KONZERTE:
Es gibt eine Bitte:
a) an Veranstalter/Bands: Bitte versucht die unsäglichen, kapitalistischen Monopolisten von EVENTIM oder TICKETMASTER zu umgehen.
b) an Fans: Bevor ihr überteuerte Tickets bei Eventim und/oder Ticketmaster kauft, schaut ob es Alternativen gibt (Band, Club oder sonstiges).
Dank an The Cure:
https://www.udiscover-music.de/news/the-cure-streit-mit-ticketmaster

Mir immer wieder unbegreiflich, warum man 5,90 Euro Portokosten verlangt und die Tickets als normalen Brief verschickt.

 

Hurra – Im März war es endlich soweit. Karten, die ich 2019 erworben hatte, verließen endlich die Pinnwand und begaben sich auf die Reise nach Bochum. Zwei wunderschöne The Mission Konzerte waren zum Genuss freigegeben. Als Bonus feierte Wayne am Tag zuvor in Oberhausen Geburtstag. Das mit viel Vorschusslorbeeren angekündigte Konzert wurde leider zur Enttäuschung, was aber nur an meinen extrem hohen Erwartungen lag.
Fazit: Bis auf das Ständchen, ein normales Konzert.

 

Einen sehr emotionalen Abend boten THE CHAMELEONS im Bielefelder Movie. Allein die letzten vier Songs strapazierten die Gänsehaut-Qualitäten der Besucher.
Swamp Thing
Second Skin
In Shreds
Don’t Fall

-> Konzertbericht

 

Ebenso emotional waren die Konzerte von PINK TURNS BLUE in Hannover und Bielefeld (-> Konzertbericht), oder der Auftritt von ALPHAVILLE mit Orchester. Gemütlich sitzen, feinen Klängen und Erzählungen lauschen und in den 80ern schwelgen.

 

Alben des Jahres (TOP TEN):


SECRET DISCOVERY „Truth, Faith, Love“
SECRET DISCOVERY gelingt es nach 17 Jahren, mit einem nahezu perfekten Album zurückzukehren, welches galant und überlegt austariert zwischen Härte, Melancholie, Melodie und Düsternis variiert. Dabei gelingt es, teilweise dem perfekten Dark-Rock-Song sehr nahe zu kommen. Kai’s Stimmbänder variieren zwischen rauer Energie und erhabener Eleganz, welche die Tragik der einzelnen Stücke perfekt in Szene setzen. SECRET DISCOVERY gelingt der Spagat, die dunkle Seite der 80er und 90er ins Hier und Jetzt zu transportieren, dabei den Staub mit elektronischen Finessen zu versehen und somit das Alte, Liebgewonnene perfekt in einen neuen Sound zu integrieren, ohne Fans der ersten Stunde vor den Kopf zu stoßen. Ganz im Gegenteil, sieht man doch verschiedene Parallelen zu früheren VÖs. Im Endeffekt ist es, wie einen alten Freund zu treffen, mit dem man immer noch die gleichen Interessen teilt und sich viel zu erzählen hat
-> Review

 


ROME IN MONOCHROME
„Abyssus“
Ein wundervolles Werk, welches sowohl in seiner Schönheit, als auch in seiner düsteren Eleganz thront. Herrliche, doomige Melodielinien, leidende Gesänge, betörende Eleganz. Perfekt zusammengefügt und in seiner Ganzheit glänzend wie ein frisch gewaschener Leichenwagen.
-> Review

 


ADVERSUS
„Strafgericht – Zehn letzte Todsünden“
Die Neubauten prägten einmal den Satz: „Hör mit Schmerzen“. Ich würde hier das auditive Erlebnis als „Hör mit Stress“ bezeichnen. Bereits textlich ist es keine gemütliche Reise durch die Irrungen und Wirrungen des Menschen (bzw. der Menschheit). Die in ihrer Variabilität und Opulenz einzigartig dargebotene musikalische Komponente ist ein Stilmix verschiedenster düsterer Klänge (NDT, NDH, Dark Wave, Dark Metal), welche mit (Neo-)Klassik, Musical und Oper zu verschmelzen scheinen. Meist gibt es diesen Stilmix innerhalb eines Songs, auch die Ambivalenz zwischen laut/leise, schnell/langsam, betörend/schneidend oder romantisch/grobschlächtig ist den Stücken immanent. Wenn man sich der lyrischen Form der Texte widmet, ist es eine Melange aus nietzscheanischen Aphorismen, Weimarer Klassik, Kurzgedichten, Sprichwörtern, Prosa, Poesie, Essais, Phrasen, Kinderreimen oder Limerick. Die detaillierte und liebevolle Zusammenfügung der einzelnen Teile zum großen Ganzen, welches tiefgründig und voller anekdotischer Eleganz dem Realismus einen Spiegel vorhält, ist des Hörers Grundgerüst zur Reflexion.
-> Review

 


SALINE GRACE
„The Whispering Woods“
Ein wunderschönes Album, welches Größen wie Cave, Cohen oder AND ALSO THE TREES heraufbeschwören, im Mark aber doch diese wundervolle Eleganz des Independent besitzt. Die erhabenen Soundstrukturen laben sich in einem Moloch der Dunkelheit, bleiben dabei so zerbrechlich wie ein dünner Ast. Auf der anderen Seite besitzen sie eine unendliche Kraft, welche sich perfekt als Stamm evolutionieren lässt. Die Texte sind geschickt gesetzte Anekdoten zwischen Philosophie, versteckter Gesellschaftskritik und Erzählungen.
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LORD OF SHADOWS
„Echoes of Yore“
Düster wie ein Roman von Ketchum. Verspielt wie ein Kind im schwarzen Bällebad. Emotional wie eine Trauerrede am Grab deiner Frau. Elegisch wie der Kuss einer schwarzen Mamba. Durchdringend wie eine Herzrhythmusstörung. Erhaben wie eine Depression, gelegt auf dem Altar der Erinnerungen. Ein großartiges Album, welches mal das Thema durchzieht und mittendrin nicht „die Hoffnung stirbt zuletzt“ zitiert, sondern ganz einfach das Sterben des letzten Strohhalms als galante Propaganda in den dunklen Reigen integriert.
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VLIMMER
„Zerschöpfung“
VLIMMER zu hören ist wie ein Kinobesuch im Programmkino, wobei der Film unbekannt ist und wohl als französischer Film Noir bezeichnet wurde. Im Endeffekt war es eine gute Wahl, aber verstanden hat man ihn nicht. Auch wenn die leicht fließende Träne etwas anderes zu behaupten scheint. Der Alp im Alptraum tanzt, perfekt alimentiert von VLIMMER. Ein Werk, voller frei zu entdeckender Emotionen, kleinen Anekdoten und insgesamt ein emotionaler Orkan.
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TWO WORDS IN JAPANESE & BIANCA STÜCKER
„Ghost kitchen“
Über 9 Songs bekommt der Hörer schwere Kost geboten, welche sich sowohl textlich als auch musikalisch bleischwer auf die Seele zu legen vermag. Wunderschöne Stimmen konterkarieren sich mit kalten Klängen, die sich wie eine Gänsehaut um des Hörers Seele legen. Schön wie der Hase von Dürer, aber ebenso braucht es Zeit um jedem Strich, hier in jedem Ton ein Faszinosum zu entdecken. Die Variation zwischen fesselnden Melodien, Gesängen und diese Vehemenz der Schräge machen das Zuhören zu einem spannenden Ereignis.
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LIV KRISTINE
„River of Diamonds“
Liv Kristine gelingt es mit reichlich Gastmusikern (Familiär wird es hinter Mikro mit Ehemann Michael Espenæs sowie ihre jüngere Schwester Carmen Elise), den Hörer abzuholen, um ihn mit grazilen, leicht verträumten Songs den bittersüßen Geschmack des dunklen Pops atmen zu lassen.
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PROJEKT JU
„Neuland
Ein wirklich gelungenes Werk, welches Fans von Schandmaul, In Extremo, Dtorn und ASP begeistern dürfte, vor allem diejenigen, welche sich auch mal im Musical Theater „verirren“. Die galante Mischung zwischen bombastischen Arrangements und verführerischen, balladesken Klangspektren ist gelungen. Der variable Gesang ist kraftvoll und wandelt zwischen Erzähler und harmonischen Stimmbändern, welche im passenden Moment zum Mitsingen zwingen.
-> Review

 


SILENCE IN THE SNOW
„Ghost Eyes“
Für Fans von SIOUXSIE AND THE BANSHEES, CURE oder THE MISSION ein wahres Kleinod. Der Ausflug in die 80er und vor allem die sanftmütige weibliche Stimme sind Haftungen, die jeden Sekundenkleber ersetzen. Die Melange aus düsterer Eleganz und hymnischen 80er Sounds ist gelungen und lässt den geneigten Plattensammler mit massig Erinnerungen und Aufgaben zurück.
-> Review

 

Neben Album des Jahres gehört SECRET DISCOVERY auch der Lorbeerkranz für das beste Interview… -> hier lesen

 

Kurz vor Toresschluss, ich war gerade mit dem Rückblick fertig, erreichten mich noch zwei sehr erwähnenswerte Alben:


Ein Sampler zu Ehren von Golden Apes‚ silbernen Jubiläum.
-> Review

 


Und ein geniales Werk aus England (Feiner Dark Wave/Goth Rock)
ST///LL
-> Review

 

Bleibt gesund, seid friedlich und genießt das, was euch wichtig ist, ekstatisch. Versucht bei den dümmsten Behauptungen (von z.B. Merz, Linnemann oder von irgendwem aus Bayern) standhaft zu bleiben und im Sinne von Hegels Dialektik dagegen zu argumentieren.
Die Erde kann auf uns verzichten, wir aber nicht auf die Erde.
.. und träumt: