MELANCULIA
„post mortem“
(Dark Melancholic Wave)
Wertung: Gut+
VÖ: 15.05.2026
Label: Noot Moon Records
Webseite: Homepage / Facebook / Bandcamp
Es ist schon komisch, ich fand das Werk von Beginn an genial. Die gefühlvolle, latent trübsinnige Ausrichtung voller facettenreicher Gitarrenklänge, dazu diese intime Stimmungslage. Dass Gesamtbild als getragener Wave Rock mit betörenden Folk Anleihen. Trotzdem hat es lange Zeit gedauert, bis ich die Rezension fertig stellte.
Manchmal braucht es einen Blick zurück, um wieder nach vorne schauen zu können. Acht Jahre sind vergangen, seit Nino Sable mit MELANCULIA zuletzt musikalisch in Erscheinung getreten ist. Nun meldet sich das Projekt mit „post mortem“ zurück – und der Titel ist durchaus programmatisch zu verstehen. Denn hier geht es weniger um das endgültige Ende als vielmehr um Erinnerungen, verlorene Momente, innere Abgründe und die Möglichkeit eines Neubeginns. Zwischen melancholischen Gitarren, dunklen Klanglandschaften und einer gehörigen Portion emotionaler Intensität entfaltet Nino Sable ein sehr persönliches Werk, das sich bewusst zwischen Indie-Rock, Dark Folk und verträumten Alternative-Klängen bewegt. Dabei steht nicht die große Geste im Vordergrund, sondern vielmehr eine Atmosphäre, die sich langsam entfaltet und ihre Wirkung gerade aus ihrer Verletzlichkeit bezieht. „post mortem“ ist ein Album für die stilleren Stunden – und für all jene, die wissen, dass selbst in der tiefsten Dunkelheit manchmal noch ein wenig Licht zu finden ist. Eigentlich ein perfektes Herbstalbum, evtl. daher die späte Rezession.
Mit „Dark Days“ eröffnet Nino Sable das Album auf angenehm melancholische Weise. Getragene Gitarren, eine leicht entrückte Atmosphäre und sein unverkennbar emotionaler Gesang erzeugen eine gewisse Schwermut, die jedoch keineswegs hoffnungslos wirkt. Auch textlich schwingt zwischen Regen, Tränen und der Ankündigung dunkler Tage eine leise Zuversicht mit. Denn irgendwann wird der Regen vorüberziehen und die Tränen werden fortgespült sein. Ein schöner, nachdenklicher Auftakt, der bereits erahnen lässt, auf welche emotionale Reise uns MELANCULIA mit „post mortem“ mitnehmen möchte. „The Tower“ präsentiert sich als wunderbar melancholischer Folk-Rock mit leicht westernartiger Note. Nino Sable blickt auf eine vergangene Welt zurück, die unwiederbringlich verloren scheint. Getragen von einer markanten Gitarrenmelodie und seinem ausdrucksstarken Gesang entfaltet sich ein angenehm düsteres Stück über Vergänglichkeit, Erinnerungen und den eigenen Weg. „Runaways“ ist mit seinen gerade einmal gut zwei Minuten ein kleines musikalisches Schmuckstück. Besonders die Gitarren wissen hier zu begeistern: Mit ihrem leicht psychedelischen Einschlag, den markanten Melodiebögen und einer gewissen Leichtigkeit verleihen sie dem Song einen ganz eigenen Charakter. Darüber legt Nino Sable seinen angenehm unaufgeregten Gesang, während sich textlich eine bittersüße Geschichte von Zweisamkeit, Aufbruch und der Sehnsucht nach einem anderen Ort entfaltet. Ein Stück, das trotz seiner Kürze nachhaltig Eindruck hinterlässt. „The Healer“ gehört für mich zu den besonders ergreifenden Momenten des Albums. Hinter der zunächst beinahe romantischen Liebeserklärung verbirgt sich eine bittersüße Tragik, denn die Sehnsucht, für einen anderen Menschen alles sein zu wollen – Heiler, Geliebter und rettendes Feuer -, trägt zugleich etwas Verzweifeltes in sich. Die poetischen Bilder von Einhornblut, ewiger Nähe und einem Tanz unter der Mitternachtssonne verleihen dem Stück eine fast märchenhafte, zugleich aber auch morbide Schönheit. Besonders Nino Sables Gesang geht unter die Haut, mit einer Intensität, die zwischen Hingabe, Verletzlichkeit und beinahe schmerzvoller Leidenschaft schwankt, verleiht er den Zeilen eine enorme emotionale Tiefe. Ein wunderschönes, zutiefst melancholisches Stück, das noch lange nach dem letzten Ton nachwirkt. „Sunboat Ascension“ entfaltet sich mit einer getragenen Ruhe und einer beinahe hypnotischen Schönheit. Der Song besitzt etwas Verträumtes, zugleich aber auch eine tief sitzende Traurigkeit, die sich wie ein roter Faden durch das Stück zieht. Dabei liegt in seiner musikalischen Zurückhaltung eine fast verführerische Anziehungskraft. Man möchte sich dieser besonderen Stimmung einfach hingeben und für einen Moment alles um sich herum vergessen. Ein wunderschönes Stück, dessen bittersüßer Zauber sich nur schwer in Worte fassen lässt.
Mit „Confessions“ schlägt Nino Sable eine ausgesprochen intensive, beinahe hypnotische Richtung ein. Der Song lebt von seiner reduzierten Instrumentierung, einer wunderbar melancholischen Grundstimmung und diesem angenehm entrückten Gesang, der sich irgendwo zwischen Verletzlichkeit und innerer Anspannung bewegt. Inhaltlich geht es um den Versuch, ein guter Mensch zu sein, sich anderen gegenüber stets bemüht und freundlich zu zeigen, während im eigenen Inneren längst dunklere Kräfte um Befreiung ringen. Die wiederkehrenden Zeilen über die eigenen Dämonen, die sich ihren Weg nach draußen bahnen wollen, verleihen dem Stück eine beklemmende Ehrlichkeit. Hinter der vermeintlichen Fassade des Guten brodelt es gewaltig. Musikalisch erinnert mich „Confessions“ dabei stellenweise an Chris Isaaks Klassiker „Wicked Game“. Nicht unbedingt aufgrund einer direkten musikalischen Ähnlichkeit, sondern vielmehr wegen dieser wunderbar verhallten, sehnsuchtsvollen Atmosphäre und der eigentümlichen Mischung aus Schönheit, Schwermut und unterschwelliger Dunkelheit. Ein Stück, das sich nicht aufdrängt, sondern mit jedem Durchlauf ein wenig tiefer unter die Haut geht. Bei „Falling into the Sun“ nimmt MELANCULIA etwas Tempo aus dem Geschehen und setzt stattdessen auf eine fast schwerelose Komposition mit viel Gespür für feine Nuancen. Die einzelnen Klangelemente greifen wunderbar ineinander, während Nino Sable mit seiner charakteristischen Stimme dem Stück eine besondere Ausdruckskraft verleiht. Es ist diese eigentümliche Verbindung aus Wärme, Wehmut und einer gewissen Sehnsucht, die den Song so reizvoll macht. Ein Titel, der sich nicht in den Vordergrund drängt, aber gerade deshalb seine ganz eigene Faszination entwickelt.
Fazit: Mit „post mortem“ gelingt Nino Sable ein bemerkenswertes Comeback, das vor allem durch seine emotionale Tiefe und die große musikalische Bandbreite überzeugt. MELANCULIA bewegen sich dabei zwischen melancholischem Folk, Indie-Rock und dunklen Alternative-Klängen, ohne sich dabei in einer bestimmten Schublade festzusetzen. Mal sind es die markanten Gitarren, mal die berührende Gesangsleistung und dann wieder diese besondere Atmosphäre, die einzelne Stücke zu echten Höhepunkten machen. Dabei wirkt das Album zu keiner Zeit aufgesetzt oder bemüht, sondern angenehm authentisch und mit viel Gespür für die kleinen, leisen Momente. Sicherlich kein Werk für die ganz große Party, dafür aber eines, das man am besten in Ruhe und mit entsprechender Aufmerksamkeit auf sich wirken lässt. Wer sich auf diese musikalische Reise einlässt, wird mit einem Album belohnt, das seine Wirkung nicht über Lautstärke, sondern über Gefühl und Charakter entfaltet. Schön, dass MELANCULIA wieder da sind! (andreas)
