EMPFEHLUNG, REVIEW

KLEZ.E „Einmal mehr mit dir gegen die Furcht“ (Melancholic Wave / Post Punk)

KLEZ.E

„Einmal mehr mit dir gegen die Furcht“
(Melancholic Wave / Post Punk)

Wertung: Empfehlung!

VÖ: 05.06.2026

Label: Windig

Webseite: Homepage / Facebook / Bandcamp

Zu Beginn eine kleine Abschweifung: Ich hatte der Band die Review zum Vorgänger geschickt und den Wunsch geäußert, gerne auch dieses Werk zu rezensieren. Die Antwort kam an einem Mittwochnachmittag – mit der Einladung zum Konzert in Hannover noch am selben Abend. Entgegen meiner sonstigen Gewohnheiten, die dem Alter entsprechend natürlich eher auf Planung als auf Spontanität ausgerichtet sind, war ich spontan – und fuhr hin. Und … es war so ein wunderschöner Abend.

Ich war während der gesamten zwei Stunden mit Gänsehaut übersät und habe diese wundervolle Band und ihre wunderschöne Musik einfach nur genossen. Es war ein Abend so weit weg vom Alltag. Eine faszinierende Wanderung durch verschiedene Gefühlswelten.

Wenn ihr irgendwann einmal die Möglichkeit habt, diese Band live zu sehen: Macht es. Und hier noch einmal ein ganz liebes Dankeschön dafür, einen alten Mann zu solcher Spontanität verholfen zu haben.

Und dann ist da dieses Album:

Es gibt Alben, die hört man. Und es gibt Alben, die betritt man – wie einen Raum, in dem die Luft schwerer ist als draußen, in dem jedes Geräusch nachhallt und selbst das Schweigen plötzlich Bedeutung bekommt. „Einmal mehr mit Dir gegen die Furcht“ von KLEZ.E gehört zur zweiten Kategorie.

Dieses Album will die Dunkelheit nicht vertreiben. Es tritt ihr entgegen. Es erzählt von einer Welt, die aus den Fugen gerät, von Entfremdung und Verlust, von Melancholie und der leisen Ahnung, dass uns etwas abhandengekommen ist. Doch KLEZ.E verharren nicht in dieser Dunkelheit. Zwischen kühlen Synthesizern, schwebenden Gitarren und treibenden Rhythmen, getragen von Tobias Sieberts eindringlicher Stimme, entsteht ein bemerkenswerter Widerspruch: ein Album von großer Schwermut, das zugleich von Nähe, Verbundenheit und Hoffnung erzählt.

Fast 25 Jahre nach ihrer Gründung klingen KLEZ.E dabei so unmittelbar wie selten zuvor. Wo KLEZ.E früher vieles hinter Bildern und Andeutungen verborgen haben, stehen die Dinge diesmal erstaunlich offen im Raum. Die Furcht wird nicht mehr umkreist – sie bekommt Worte. Und gerade in dieser Offenheit liegt ihre Stärke: Aus dem Persönlichen wird das Universelle, aus der individuellen Verunsicherung ein Gefühl, das weit über die eigene Erfahrung hinausweist.

„Einmal mehr mit Dir gegen die Furcht“ ist deshalb kein Album, das man einfach nebenbei hört. Es bleibt unmittelbar – und trotzdem gibt es mit jedem Hören Neues zu entdecken. Denn unter seiner kühlen Oberfläche liegt etwas zutiefst Menschliches: der Wunsch, der Dunkelheit nicht allein gegenüberzustehen.

„Nun, das ist die Geschichte unserer Affäre.“ Mit diesem Satz beginnt „Hymnus“ – und plötzlich ist da keine Distanz mehr. Kein vorsichtiges Herantasten, kein vorsorgliches Verstecken hinter Metaphern. KLEZ.E ziehen den Hörer unmittelbar hinein in eine Geschichte von Nähe, Begehren, Erinnerung und Vergänglichkeit. Musikalisch lassen kleine Nebelwände das Intro wandern und erinnern ein wenig an „The Kiss“. Die Synths lassen einen weiten, schwebenden Raum entstehen, darüber legen sich die Gitarren wie schummrige Lichtstreifen. Der Bass hält das Stück unbeirrbar zusammen, während das Schlagzeug sanft in Bradykardie badet. Es ist diese Ruhe, die „Hymnus“ so mächtig macht. Tobias Sieberts Gesang muss nichts erzwingen. Er steht mitten in diesem Klanggebäude und lässt die Worte wirken. Der Titel ist dabei Programm – aber auf eine eigentümlich gebrochene Weise. Ein Hymnus ist eigentlich ein Lobgesang, eine Feier. Doch was KLEZ.E hier feiern, ist nicht das unbeschwerte Leben. Es ist die Tatsache, dass überhaupt noch etwas da ist, an das man sich halten kann. Die Liebe, die Erinnerung, der andere Mensch. Und vielleicht auch die Möglichkeit, trotz allem noch Leichtsinn zu wagen. Siebert selbst beschreibt diesen Gedanken mit dem Satz: „Ich bin für Leichtsinn.“

Mit „Melancholia“ hat sich die Band eine Hymne geschrieben, die sich nicht nur im Refrain leichtfüßig in die Gehörgänge schleicht. Und dann krabbelt da zu Beginn für einen kurzen Moment tatsächlich eine Raupe über die Platte – ein augenzwinkernder Gruß an The Cures „The Caterpillar“. Es ist ein ganz besonderer Genuss, diesem Reigen voller kleiner, starker Momente zu folgen. „Auf meinem Glück brauche ich Staub und du fegst ihn weg wie morsches Laub“. Schon der Einstieg glänzt mit einer wehmütigen Poesie. Die Metaphern thronen hinter gardinenlosen Fenstern.

„Mailied“ hat wieder dieses endlos erscheinende Intro, welches Ohr und Körper an die Box fesselt. Fast erschrocken fühlt man sich, wenn diese mit leichtem Hall versehene Stimme mit verwirrenden Textfragmenten in die Gehirnwindungen dringt. Erst nach und nach entblättert sich das Dickicht der Geschichte und wird zu einer melancholischen Erzählung. Kurzzeitig bleibt man bei der markanten Zeile „Ein Schuß to go ins Herz“ hängen, wie zuvor schon bei „Ich bleib ohne Strom allein“ .
Das folgende „Call in Love“ ist im Mark etwas heftiger gestrickt. Auch wenn diese straightere Melodielinie eher unterschwellig dem Druck huldigt, ist sie im Saitenspiel ebenso erkennbar wie im Gesamtkontext.

„La Boum“ ist ein Stück, das sich nicht beim ersten Hören vollständig erschließt. Der Titel klingt nach Feier, Leichtigkeit und jugendlichem Überschwang – doch KLEZ.E setzen dieser Erwartung eine deutlich nachdenklichere Klangwelt entgegen. Statt ausgelassener Euphorie entsteht eine Stimmung zwischen Melancholie, Distanz und vorsichtiger Aufbruchsstimmung. Musikalisch arbeitet der Song mit der für KLEZ.E charakteristischen Verbindung aus Indie-Rock und Post-Punk. Die Instrumentierung bleibt dabei atmosphärisch und kontrolliert, während der Gesang dem Stück eine gewisse unterkühlte Intensität verleiht. Nichts wirkt überladen oder auf unmittelbare Wirkung getrimmt. Gerade diese Zurückhaltung macht den Reiz von „La Boum“ aus.

„Das eine Treffen im Jahr“ schlägt danach noch einmal eine andere, fast vertraute Saite an. Schon der Titel trägt diese eigentümliche Mischung aus Nähe und Distanz in sich: ein Moment, auf den man lange wartet, der vielleicht viel zu schnell wieder vorbei ist und gerade deshalb eine besondere Bedeutung bekommt. KLEZ.E machen daraus keinen großen sentimentalen Moment, sondern lassen die Erinnerung eher zwischen den Zeilen schweben. Musikalisch entwickelt sich der Song mit dieser ganz eigenen KLEZ.E-Melancholie, die nie vollständig in Schwermut kippt. Die Melodie bleibt eingängig und trägt den Hörer beinahe mühelos durch den Song, während Tobias Sieberts Stimme diesem Treffen etwas Fragiles und zugleich Vertrautes gibt. Es klingt ein wenig nach Wiedersehen und gleichzeitig nach Abschied – nach einem Menschen, den man vielleicht viel zu selten sieht und bei dem trotzdem sofort wieder etwas da ist. Gerade diese Ambivalenz macht den Song für mich so schön. Ein einziges Treffen im Jahr kann manchmal mehr Nähe enthalten als unzählige Begegnungen, die im Alltag einfach vorbeiziehen. KLEZ.E gelingt es, aus diesem kleinen Zeitfenster ein großes Gefühl zu machen, ohne es übermäßig auszuerzählen.

Den Schlusspunkt setzt „Im Herbst“. Ein Song, der sich nicht in den Vordergrund drängt, sondern eher langsam seine Wirkung entfaltet. Nach all den Bildern, Begegnungen und Gefühlsbewegungen der vorherigen Stücke fühlt sich dieser letzte Moment beinahe wie ein stilles Ausatmen an. Die Musik lässt noch einmal vieles aufscheinen, ohne es festhalten zu wollen. Dabei besitzt „Im Herbst“ diese besondere KLEZ.E-Eigenschaft, gleichzeitig vertraut und ein wenig entrückt zu wirken. Die Melodie bleibt hängen, während sich darunter jene feinen Schattierungen bewegen, die man vielleicht erst beim zweiten oder dritten Hören bemerkt. Tobias Sieberts Stimme trägt den Song mit einer Ruhe, die nichts erklären muss.

Und vielleicht liegt genau darin die Stärke dieses Schlusses: „Im Herbst“ macht keinen großen Punkt hinter das Album. Der Song lässt vielmehr eine Tür offen. Man bleibt noch einen Moment in dieser Klangwelt stehen, bevor man wieder hinausgeht – mit ein paar Melodien im Kopf und dem Gefühl, gerade etwas erlebt zu haben, das sich nicht ganz in Worte fassen lässt.

Fazit: Was soll ich zu diesem Album noch groß sagen? KLEZ.E sind für mich eine dieser Bands, bei denen man irgendwann merkt, dass man nicht mehr nur zuhört, sondern sich in ihrer Musik wiederfindet.

„Einmal mehr mit Dir gegen die Furcht“ hat mich dabei von Anfang an gepackt. Die Songs sind eingängig, ohne beliebig zu werden, melodisch, ohne ihre Tiefe zu verlieren. Vieles bleibt unmittelbar hängen – und entfaltet trotzdem mit jedem weiteren Hören neue Facetten. Genau diese Verbindung aus Zugänglichkeit und emotionaler Tiefe macht für mich den besonderen Reiz dieses Albums aus.

Es gibt Platten, die gefallen einem. Es gibt Platten, die beeindrucken. Und dann gibt es diese seltenen Alben, die sich irgendwo festsetzen und einen noch lange begleiten. Für mich gehört dieses Album definitiv dazu.

Vielleicht ist das am Ende das Schönste, was Musik schaffen kann: Sie muss nicht immer Antworten geben. Manchmal reicht es, wenn sie einem das Gefühl gibt, mit seinen Gedanken, seiner Melancholie und seinen kleinen und großen Ängsten nicht ganz allein zu sein.

„Einmal mehr mit Dir gegen die Furcht“ ist für mich genau so ein Album. Eingängig, eigenwillig, melancholisch, romantisch – und eines, zu dem ich zurückkehren werde.