REVIEW

THE CALM GREY „In Between Sadness“ (Post Punk)

THE CALM GREY

„In Between Sadness“
(Post Punk)

Wertung: Sehr gut

VÖ: 01.05.2026

Label: Eigenproduktion

Webseite: Facebook / Bandcamp

Wer heutzutage im Dickicht des Post Punks eine Spur hinterlassen will, hat es schwer. Monatlich schießen massig Bands aus dem Genre in die Hitparaden von Bandcamp oder anderen Musikstreamingdiensten, sehr oft KI liebend. Dieses Duo schafft es, auf mehreren Wegen Spuren zu hinterlassen, denen man gerne folgt, auch wenn es angesichts der tiefgehenden, teils sehr persönlichen Texte und dem Wissen des Hintergrunds, nicht ganz einfach ist, auf den Button „Konsumieren“ zu hauen.

Der Opener „Leaving The Flat“ ist ein in sich komplexer, saitenorientierter Song, der geschickt das rotzige und schroffe des 80er Dark Wave’s nach außen kehrt (Killing Joke, Easy Cure, Wipers) und in der hintersten Ecke die samtene Melodielinie versteckt, während Rio mit zerbrechlicher Stimme der Traurigkeit eine ganz besondere Plattform gibt. Das folgende „These Grey Alleys“ ist im Gesamtkontext wesentlich harmonischer inszeniert. Die Saiten verteilen ihren curesken Charme mit einer unglaublichen Leichtigkeit, während zwischendrin die dunkle Erhabenheit förmlich zu schweben scheint. Geschickt gesetzte Fixpunkte, verschmähte Blicke nach „Faith“. Die Schwermut küsst den verträumten Romantiker und lässt ihn dann textlich doch etwas hilflos zurück.

In seiner Einsamkeit muss er dann bei „Tropfen“ so richtig leiden. Bedrückend und mit verlorener Eleganz ist „Tropfen“ der Alptraum-Song schlechthin. In bester alter Neubauten-Tradition sind es Wörter, nicht Sätze, die sich in Gehirnwendungen festsetzen und dort Bilder malen, die Dali’schen Traumsequenzen aus alten Filmen ähneln. Bei „The Last Year“ entlockt ein kleiner Liebreiz der Melodie gar ein Lächeln angesichts der Linie, die leicht kühl erscheint und die frühen 80er heraufbeschwört. Der Text wird mit einer verführerisch-fragilen Stimme dargeboten und beschäftigt sich mit den Erlebnissen des letzten Jahres. Immer wieder begeisternd ist es, wie es gelingt alles wie eine Jam Session nach einer nächtlichen Rückkehr von einem (Cure-) Konzert erklingen zu lassen und auf dem zweiten Ohr den Arbeitsschweiß tropfen zu lassen. Das dritte Ohr versteckt sich im Keller und heult leise vor sich hin. „Effect Z“ klingt wie ein ewiger Kampf gegen das Zulassen von Gefühlen. Die depressive Grundstimmung nicht verpackt in ein gut klingendes Kleinod, sondern einfach verworren dem Fluss der Gedanken hingeschmissen. Das macht dem Zuhörer beim Genuss Probleme, ist aber in sich stimmig wie eine Träne nach dem Tod eines geliebten Menschen. „No Room“ lässt kurzfristig etwas balladeskes, tastenorientiertes aufblitzen, aber ganz schnell befindet man sich wieder in diesem ganz besonderen Universum von THE CALM GREY, dort wo Meteoriten den Klang variieren, wo die Menschen leben, die wir nicht mehr sehen können. Dort, wo die Liebe zur Musik seine Heimat verordnet.

Das bedrohliche Instrumental „Sadness“ sollte nicht gerade als Behandlung von Depressionen herhalten, ist aber ein feines Stück, welches den rohen Klangkosmos des Duos mit reichlich Melancholie etwas glättet. Und danach fegt der treibende Mix von Per-Anders Kurenbach die schwarze Galle einfach quer durch die Clubs der Republik. Hier ist er, der heimliche Hit für die dunklen Tanzschuppen. Kompromisslos und voller kleiner Tanzschritt-Anekdoten ist er der perfekte Song, um die Tanzflächen voll zu halten. Ein perfekter Abschluss und so ganz anders erscheinend als die vorherigen Stücke. Quasi den Übergang von Joy Division zu New Order nachspielend.

Fazit: Das Beiwohnen einer Therapiesitzung besitzt den inneren Drang des Mitfühlens, es besitzt aber auch dieses „weit weg sein“, dieses „nur der Hörer“ sein, welches sich dann auch mal mit einem seufzenden Gott sei Dank paart. Im Endeffekt sind wir weit weg und nur der Hörer und können dieses Werk damit genießen, wie ein junger Post Punk Fan, auch wenn wir das Alter der verblassenden Erinnerungen schon erreicht haben. Das Früher küsst das Heute und diese elegische Verbindung findet man auch jederzeit mikrokosmisch zwischen Mirco Rappsilber (Instrumente, Songwriting; ex-ROSI) und Rio Black (Gesang, Texte; Atomic Neon). (andreas)