KIKU / BLIXA BARGELD / BLACK CRACKER
„Suzhou / It’s All The Rage“
(Electro / Synthwave / Spoken Word)
Wertung: Interessant
VÖ: 25.09.2026
Label: Everest Records
Das Schweizer Avantgarde-Projekt KIKU, bestehend aus Yannick Barman und Cyril Regamey, verbindet erneut seine experimentelle Klangsprache mit zwei höchst eigenwilligen Stimmen: BLIXA BARGELD, dem Frontmann der Einstürzenden Neubauten, und dem New Yorker Rapper und Spoken-Word-Künstler BLACK CRACKER. Bereits auf dem gefeierten Vorgänger „Eng, Düster und Bang“ (2017) zeigte sich die Synergie dieser unterschiedlichen Künstler.
Das Ergebnis ist auch heuer keine gewöhnliche Kollaboration und schon gar kein klassisches Songalbum. Vielmehr entsteht ein musikalischer Grenzbereich zwischen Avantgarde, elektronischer Musik, Jazz, Industrial, Spoken Word und experimentellem Hip-Hop. KiKu liefert dafür das klangliche Fundament: Trompete, Schlagzeug, Elektronik und Samples werden zu einer oft düsteren, manchmal hypnotischen und immer wieder überraschenden Klanglandschaft verdichtet.
Hinzu kommt die spannende Gegenüberstellung von Blixa Bargeld und Black Cracker. Beide arbeiten mit Sprache, könnten dabei aber kaum unterschiedlicher vorgehen. Black Cracker bringt die Direktheit des Rap und Spoken Word mit. Seine Beiträge erscheinen rhythmischer und direkter. Sprache wird bei ihm vor allem über Rhythmus und Flow organisiert. Dadurch besitzt seine Hälfte eine urbane, moderne und teilweise beinahe aggressive Energie. Bargeld dagegen geht den entgegengesetzten Weg. Bei ihm wird Sprache zunehmend zu Klang. Er spricht, rezitiert, flüstert, singt und schreit. Silben werden gedehnt, Wörter zerlegt und Laute so eingesetzt, dass ihre ursprüngliche Bedeutung zeitweise in den Hintergrund tritt. Die Stimme wird zum Instrument – manchmal zum Schlagzeug, manchmal zum Geräusch, manchmal zu einem bedrohlich wirkenden elektronischen Signal. Genau darin liegt Bargelds große Stärke: Er muss nicht einmal besonders laut werden, um Unruhe zu erzeugen. Ein geflüstertes Wort kann bei ihm ebenso verstörend wirken wie ein plötzlich ausbrechender Schrei. Diese Methode kennt man aus seiner Arbeit mit den Einstürzenden Neubauten, doch im Zusammenspiel mit KiKu erhält sie eine andere Dimension. Die Musik gibt ihm keinen klassischen Rock- oder Industrial-Rahmen, sondern einen offenen elektronischen Resonanzraum.
„Suzhou / It’s All The Rage“ lebt von der homogenen Verbindung unterschiedlichster Elemente. Jazz, Trip-Hop, Elektronik, Minimal Music und Avantgarde standen dort nicht einfach nebeneinander, sondern werden zu einer gemeinsamen Klangsprache verschmolzen. Die Musik begleitet die Stimmen nicht lediglich, sondern reagiert auf sie. Sie baut Spannung auf, verdichtet sich, bricht auseinander und setzt neue Impulse. Dadurch entsteht der Eindruck eines permanenten Dialogs zwischen Stimme und Instrumentarium.
Fazit: Wer eingängige Melodien, klassische Songstrukturen oder einen schnellen Zugang erwartet, dürfte mit diesem Album zunächst seine Schwierigkeiten haben. KiKu verweigern sich bewusst einer eindeutigen musikalischen Ordnung. Die Stücke funktionieren weniger nach dem Prinzip Strophe – Refrain – Strophe als nach dem einer akustischen Dramaturgie. Das kann anstrengend sein. Manchmal wirkt die Musik sperrig, gelegentlich sogar hermetisch. Doch gerade diese Widerständigkeit macht ihren Reiz aus. (andreas)
