EMPFEHLUNG, REVIEW

DRACONIAN „In Somnolent Ruin“ (Doom/Gothic Metal)

DRACONIAN

„In Somnolent Ruin“
(Doom/Gothic Metal)

Wertung: Empfehlung!

VÖ: 08.05.2026

Label: Napalm Records

Webseite: Homepage / Facebook

Endlich! 5,5 Jahre nach dem Album „Under A Godless Veil“ sind die schwermütigen Klangvirtuosen aus Schweden mit einem neuen Longplayer am Start. Das Warten hat sich gelohnt, denn „In Somnolent Ruin“ bietet alles, was ich an DRACONIAN liebe: Abwechslungsreiche, epische Songstrukturen, bezaubernde Melodien und dramatische Stimmungsbilder. Häufig wirken die Gitarren wie eine archaische Urgewalt. Regelmäßig treibt das Schlagzeug das Geschehen voller Wucht voran. Mitunter werden fragile Klanglandschaften offenbart. Gelegentlich wird man von sanften Klaviertönen umgarnt.

Wie immer bei DRACONIAN: Die Gesangsleistungen sind über jeden Zweifel erhaben. Der Brüllgesang von Anders Jacobsson ist packend wie eh und je. Lisa Johanssons Klargesang klingt herrlich gefühlvoll und leidenschaftlich. Bei den letzten beiden Alben veredelte Heike Langhans mit ihrer großartigen Singstimme die Songs, nun trägt wieder die ursprüngliche Sängerin zur Verzauberung der Klangwelten bei.

Die Texte des Albums beschäftigen sich mit der Seelenlehre des antiken griechischen Philosophen Platon (428/427 v. Chr. bis 348/347 v. Chr.). Platons Seelenlehre geht davon aus, dass jeder Mensch eine unsterbliche Seele besitzt. Grundsätzlich trägt diese Seele göttliches Wissen in sich. Allerdings neigt der Mensch dazu, sich nur unzureichend an das göttliche Wissen seiner Seele zu erinnern. Nach Platon soll die Philosophie dafür sorgen, dass dem Menschen das göttliche Wissen seiner Seele wieder vollumfänglich bewusst wird. Dank dieses Erkenntnisprozesses kann der Mensch bereits während seiner irdischen Existenz Momente des Glücks erleben. Nach dem physischen Tod des Menschen erlangt die Seele einen ewigen Zustand des Glücks jedoch nur, wenn sie sich durch die Philosophie ihres göttlichen Wissens vollumfänglich bewusst geworden ist. Bis die Seele ihr göttliches Wissen vollständig wiedererlangt hat, muss sie zumeist mehrere irdische Leben absolvieren.

Wie ist angesichts dieser Seelenlehre der Titel des Albums zu verstehen? „In Somnolent Ruin“ bedeutet ins Deutsche übersetzt „In schläfrigem Trübsal“. Nach DRACONIAN befindet sich die Menschheit in einem erbärmlichen Dämmerzustand, weil die meisten Menschen das göttliche Wissen ihrer Seele ignorieren.

Der Opener „I Welcome Thy Arrow“ startet mit atmosphärisch dichten Ambient-Klängen. Nach einer Minute beginnt der engelsgleiche Gesang von Lisa. Als sie verstummt, startet Anders mit seinem Brüllgesang. Danach wechseln sich Lisa und Anders noch mehrfach beim Gesang ab. Dieses DRACONIAN-typische Element entfaltet eine sehr dramatische Wirkung. Während des Gebrülls gestaltet sich die Instrumentierung wuchtig, doch zumeist wird bei diesem Song mit einem relativ maßvollen Energielevel agiert. Das Tempo bleibt stets schleppend. In der zweiten Hälfte des Lieds gibt es ein herrlich gefühlvolles Gitarrensolo zu hören. Kein Zweifel: „I Welcome Thy Arrow“ ist ein perfekter Opener! Langsam, aber mit einer mächtigen Sogwirkung taucht man in die Klangwunderwelt von DRACONIAN ein.

Deutlich energischer als der Opener donnert „The Monochrome Blade“ aus den Boxen. Der Wechselgesang präsentiert sich sehr druckvoll und leidenschaftlich. Die Melodie des Refrains ist absolut überwältigend. Eine angedeutete Generalpause sorgt nach der Hälfte des Songs für Hochspannung. Danach singt Lisa eine wahrlich hypnotische Passage, bevor die packende Darbietung noch ein letztes Mal im dramatischen Refrain gipfelt. „The Monochrome Blade“ ist sicher einer der Höhepunkte des Albums! Grandios!

„Anima“ ist ein wunderschönes Lied. Als Gastsänger fungiert Daniel Änghede. Daniels und Lisas Klargesänge fügen sich perfekt in das zumeist dezent gestaltete Klangbild ein. Anders‘ Brüllgesang bekommt man in dem 6,5 Minuten langen Stück nur etwa eine Minute zu hören. Sein Wutausbruch wirkt im Kontrast zu den beiden Klargesängen besonders eindrucksvoll. Ins Deutsche übersetzt bedeutet „Anima“ Seele.

Die ersten vier Minuten von „The Face Of God“ wirken sehr bedrückend, rau und wuchtig. Während dieser Minuten ist Anders‘ Gebrüll häufiger zu hören als der schwermütige Gesang Lisas. Anschließend wird eine Minute lang auf jeglichen Gesang verzichtet. Hier entfaltet sich auf der Basis dezent rockender Gitarren ein herrlich psychedelisch anmutender, dunkler Klangzauber. Bei den restlichen 2,5 Minuten sorgen vor allem wütende Gitarren und das Toben von Anders dafür, dass der Song wieder zu seinem ursprünglichen Charakter zurückfindet. Das Lied endet so, wie es begonnen hat: Mit Lisas abgrundtief traurig klingendem Gesang.

Auch bei „I Gave You Wings“ ist am Anfang und am Ende Lisas faszinierende Stimme zu hören. Dazwischen: Eine Gitarrengewalt, die geeignet erscheint, Berge zum Einsturz zu bringen. Nicht weniger kraftvoll wirkt Anders‘ brachiales Gebrüll. Inmitten dieses Infernos offenbart sich eine großartige Ambient-Passage: Melancholische Klavierklänge, Anders‘ beschwörende Erzählstimme – mehr braucht es nicht, um eine absolut bezaubernde Atmosphäre zu kreieren.

„Asteria Beneath The Tranquil Sea“ ist ein 2,5 Minuten dauerndes Ambient-Stück. Sphärische Keyboardklänge sorgen für eine filmmusikartige Stimmung. In der zweiten Hälfte des Tracks ertönt auch Lisas betörender Feengesang.

Beim relativ geradlinig rockenden „Cold Heavens“ geht es gelegentlich auch etwas schneller zur Sache. Bei den druckvollen, schnellen Parts wird bei den Gitarren mit einer Klangfarbe gearbeitet, die für DRACONIAN eher untypisch ist. Tatsächlich klingt das Saitengewitter eher klirrend als „erdig“. Obwohl ich generell sonore Gitarrenlaute bevorzuge, gefällt mir diese Abwechslung gut. Die hingebungsvollen Gesänge von Lisa und Anders setzen dem packenden Klanggeschehen wieder einmal die Krone auf.

Bei „Misanthrope River“ ist anfangs die eindrucksvolle Erzählstimme des Gastsprechers Simon Bibby zu hören. Währenddessen wird man auch von wunderschönen Klavierklängen verzaubert. Es folgt der Wechselgesang von Lisa und Anders. Im Anschluss wird die Dramaturgie durch einen bewährten Kunstgriff sehr spannungsreich gestaltet. Denn der Melodiebogen von Lisas späterem Refrain-Gesang wird zunächst nur instrumental angedeutet. Als Lisa im weiteren Verlauf den Refrain singt, wirkt das extrem überwältigend. Hier wird eine unfassbar intensiv wirkende, mitreißende Emotionalität freigesetzt! Das großartige Lied endet mit bezaubernden Klaviertönen.

Dann: „Lethe“ – womöglich der genialste Song des Albums! Das Intro bietet unheimliche Geräusche. Schon bald wird die bedrohliche Stimmung durch ein dunkles, pulsierendes Gitarrenspiel verstärkt. Lisas Gesang setzt ein – unglaublich berührend, voller Herzblut. Über zwei Minuten lang erschüttert ihre grandiose Singstimme die Seele des Hörers. Im Hintergrund wabernde, sphärische Klanglandschaften. Plötzlich verändert sich das Geschehen komplett: Bombastische, aggressive Gitarren, unnachgiebiges Schlagzeug, Anders‘ rasendes Keifen – das Inferno dauert eine Minute. Parallel dazu läuft im Kopfkino des Hörers ein hochdramatischer Film ab, bei dem im Sekundentakt vermeintliche Gewissheiten und Hoffnungen in Schutt und Asche gelegt werden! Und dann, ganz abrupt: eine Generalpause, ein paar Sekunden lang.

Anschließend entfaltet sich 3 Minuten lang ein phantastischer, tragisch klingender Klangkosmos. Zunächst hört man ein sanftes, herrlich rhythmisches Gitarren- und Schlagzeugspiel. Die Dramatik steigert sich langsam, aber beharrlich: Das Schlagzeug wird kräftiger, die Gitarren energischer, das Tempo schneller. Zum krönenden Abschluss des Songs und des Albums gipfelt alles im DRACONIAN-typischen, dunklen Breitwandsound. Dazu gibt es auch noch einmal einen Brüllgesang von Anders zu hören, der durch Mark und Bein geht!

In der griechischen Mythologie und in Platons Seelenlehre hat der Fluss „Lethe“ für den Menschen eine traurige Bedeutung: Trinkt die Seele des Menschen nach dem leiblichen Tod aus diesem Fluss, führt dies dazu, dass die Seele ihr vorheriges Leben vergisst. Vergisst die Seele ihr vorheriges Leben, ist sie dazu verdammt, auf der Erde als Mensch (oder als Tier) wiedergeboren zu werden.

Fazit: Mit „In Somnolent Ruin“ hat DRACONIAN ein Meisterwerk geschaffen! Alle Lieder sind absolut hörenswert. Einige Songs sind besonders herausragend – sie gehören zum Besten, was es im faszinierenden Gesamtwerk der Band zu entdecken gibt. Das Album begeistert in vielerlei Hinsicht. Etwa durch die bezaubernden Melodien, die dramatischen Stimmungsbilder, die abwechslungsreichen Songstrukturen, den leidenschaftlichen Duett-Gesang. Die Emotionalität, die durch diesen Klangkosmos offenbart wird, ist überwältigend. Das weltanschauliche Thema des Albums – die Seelenlehre Platons – wird kunstvoll und spannungsreich mit der Musik verwoben. Das ist Kunst in höchster Vollendung! Grandios! (stefan)

Das Lied „Misanthrope River“ bei YouTube: