EMPFEHLUNG, REVIEW

MEINHARD „Beyond Wonderland“ (Gothic Caberet/Musik-Drama)

MEINHARD

„Beyond Wonderland“
(Gothic Caberet/Musik-Drama)

Wertung: Empfehlung!

VÖ: 15.03.2013

Label: Out of Line

Webseite: Homepage / Facebook

Es war mal wieder der reine Zufall, dass ich auf diesen Künstler stieß. Die Musik liess mich dann einen ganzen Tag nicht mehr los. Freundlicherweise beantwortete MEINHARD meine Anfrage nach einer physikalischen Bemusterung positiv und nun rotiert die CD in meinem Player und ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll, um dieses wunderschöne Werk angemessen zu würdigen.

Man könnte es als stimmige Melange aus Musik-Drama, Musical, Glam Rock, Melancholie, 80er Wave, Electro, Cabaret und Gothic (um nur einen Teil zu nennen) bezeichnen. Im Gesamtergebnis eine akustische Chaosforschung, dessen Schmetterlingseffekte den geneigten Hörer in ihren Bann ziehen.

Die thematische Grundlage liefert das 1865 erschienene Kinderbuch des englischen Schriftstellers Lewis Carroll „Alice’s Adventures in Wonderland“. MEINHARD teleportiert sich nun selbst ins Wunderland, um mögliche Antworten zu finden, und um noch nicht gestellte Fragen aufzuwerfen. Auf der Reise durchlebt er selbst verschiedene Rollen, begegnet vielen Weggefährten und stellt sich seinen inneren Dämonen. Diese Reise und die Begegnungen werden in ein musikalisches Kleid gesteckt, dessen Facetten- und Genrereichtum jegliche Grenzen sprengen und perfekt zum phantasievollen Grundton des Buches passen.

Der Opener und Titelsong dient mit verspielten Gimmicks und verträumt bis rockigen Tönen als perfekter Einstiegsbahnhof für die Reise in Phantasiewelten, in denen die Begegnungen zwischen Subjekt und Objekt zu metaphorischen Gleichnissen werden, während gleichzeitig Entitäten wie Persönlichkeit, Wach sein, träumen und Vorbewusstheit zu einer nebulösen Erkenntnistheorie der eigenen Interpretationsfreude generieren. Stimmlich erinnert MEINHARD hier phasenweise ein wenig an den jungen Bowie. Wesentlich abgedrehter erklingt „Mr. White rabbit“, welches von Breaks, stilistischen Extravaganzen und reichlich Percussion durchzogen ist und zudem mit leicht verrückt-entrückten Stimmbändern agiert. Schwungvoll mit reichlich Electro kommt das tanzbare „falling!“ daher. Der Refrain chillt sich mit poppiger Vaganz über die eruptiven bis sphärischen Strophen, welche im Mark ein wenig Science Fiction besitzen. „Nimmerwo“ agiert wieder etwas dunkler und besitzt diese schwermütige Eleganz. Meinhard’s Stimmbänder umhüllen sich mit der Sanftmut der Trauer. Der thematische Nihilismus wird zum Ende hin ein wenig orchestraler unterlegt.

Verwegene Industrial Sequenzen treffen in „Sea of Tears“ auf butterweiche Pianoklänge. Der Gesang ist verführerisch und garniert sich selbst mit reichlich Pathos. Der Song ist gebettet in einer ausstrahlenden Ruhe, dessen Grundton sich allerdings einer gewissen Dramatik nicht entziehen kann. Beatlastig und druckvoll macht „Caucus-Race“ seinem Titel alle Ehre. Musikalisch arbeitet man mit Big Band/Swing Klängen und Freejazz Ausflügen, welche als Gesamtkonstrukt den Synth Pop liebevoll umarmen. Wieder etwas ruhiger, aber auch schräger und mit ein wenig Sakralität versetzt erklingt „ontopofthemushroom“, während „Pig&Pepper“ ein kleine Reise in die Zwanziger macht, die teilweise auch nach New Orleans (musikalisch) führt. „CatNip“ klingt wie ein Song aus Charlies Schokofabrik (remembar Umpa-Lumpa). Im eleganten Rauschmeißer „The Trial“ kommt noch mal die Tragik zu Wort, bei der eine Trompete für bittersüße Tränen sorgt.

Fazit: Ein phantastische (Gedanken)Reise durch fremdartige Welten. Angesichts der verschiedensten Klangkosmen ist der Zugang nicht immer einfach, doch ist man einmal gefesselt, kann einem auch kein Houdini mehr helfen. Die instrumentale Breite reicht von der klassischen Rock Besetzung (E-Gitarre, Bass, Drums) bis zu Keyboard/Klavier, Trompeten, Harfe, Bouzouki, Geigen, Glockenspiel, Sansula und vielem Außergewöhnlichen mehr. Die textliche Tiefe ist immer mental greifbar, benötigt aber ein „fallen lassen können“ und der Verweigerung des philosophischen Materialismus. Coproduziert wurde das Album John Fryer (u.a. HIM, Nine Inch Nails). (andreas)