REVIEW

IAMNOONE „Gloomy Days“ (Elektro Dark Wave)

IAMNOONE

„Gloomy Days“
(Elektro Dark Wave)

Wertung: Gut

VÖ: 04.09.2026

Label: Cold Transmission Music

Webseite: Facebook / Bandcamp

Auf ihrem 5. Studioalbum setzen die Italiener auf die Kraft von kühlem Darkwave, melancholischem Coldwave und unterkühltem Post-Punk. Treibende Bassläufe, hypnotische Synthesizer und eine dunkle Grundstimmung ziehen sich durch die 13 Stücke, die irgendwo zwischen innerer Leere, Einsamkeit und stiller Selbstreflexion ihren Platz finden. Die Unterstützung des griechischen Produzenten Kay-Chi verleiht ausgewählten Songs zusätzliche elektronische Tiefe. „Gloomy Days“ ist kein Album für den schnellen Kick, sondern für jene Momente, in denen die Dunkelheit nicht bedrohlich wirkt, sondern beinahe vertraut. Ein stimmungsvolles Werk für lange Nächte und graue Tage, besonders, wenn man diese tanzen Clubs verbringen will.

Der treibende, verführerische Opener „A Season in Hell“ scheint den Beginn einen dunklen Faden zu kreieren. Das lyrische Ich verliert zunehmend den Zugang zur eigenen Identität; selbst der Blick auf das eigene Selbst scheint keinen festen Anhaltspunkt mehr zu bieten. Das Höllenmotiv steht dabei weniger für einen konkreten Ort als für einen psychischen Zustand, aus dem es scheinbar keinen Rückweg gibt. Ein schwacher Lichtschein bleibt zwar sichtbar, doch Hoffnung und Orientierung sind noch lange nicht dasselbe. Die galante Melodie spielt mit poppigen Elementen und lässt auch die 80er durchblicken. Und die Liebe zu einer deutschen Dark Electro Combo scheint unverkennbar. Der anschließende Titelsong „Gloomy Days“ übersetzt diese Verfassung in ein Bild bleierner Schwere, trotzdem gelingt es einen faszinierenden Refrain zu manifestieren. Die schlechten Tage haften am Menschen wie etwas, das sich nicht einfach abstreifen lässt. Aus einer vorübergehenden Krise wird ein Zustand, der jede Wahrnehmung schwarz einfärbt. In „F.O.M.T“ gerät schließlich auch die vermeintlich stabile Umgebung ins Wanken. Der Zusammenbruch der Welt und der Verlust des Bodens unter den Füßen spiegeln eine innere Überforderung, bei der selbst der Wunsch, überhaupt noch etwas zu fühlen, zum Ausdruck existenzieller Verzweiflung wird. Das Video beginnt mit einem prägnanten, passenden Zitat aus Baudolaires „Blumen des Bösen“-
Und lange Leichenwagen, ohne Trommeln oder Musik,
Ziehen langsam an in meiner Seele; die Hoffnung,
Geweint, geschlagen, bricht; und die grausame Angst, despotisch,
Pflanzt auf meinem gebeugten Schädel ihre schwarze Fahne.

„A Box of Tears“ führt diesen Gedanken weiter, allerdings nach innen gerichtet. Die Tränen stehen nicht allein für Trauer, sondern auch für Gefühle, deren Ursprung sich nicht mehr eindeutig benennen lässt. Das Bild der verschlossenen Box verweist auf einen selbst geschaffenen Schutzraum, der zugleich zum Gefängnis wird. Was vor weiteren Verletzungen bewahren soll, hält den Schmerz dauerhaft fest. Freud, Jung und Reich hätten beim Trinkgelage ihre reinste Freude.

Mit „In Our Time of Dying“ weitet sich der Blick vom individuellen Leiden auf die Vergänglichkeit des menschlichen Daseins. Die Bilder von Staub, vergehenden Augenblicken und erlernter Fassade lassen eine Welt entstehen, in der selbst das Lächeln zur Tarnung werden kann. Der Text verweigert dabei jede einfache religiöse oder philosophische Erlösung. Demgegenüber zeichnet „Torture“ ein deutlich aggressiveres Bild emotionaler Abhängigkeit. Die Sprache körperlicher Gewalt lässt sich als Metapher für ein Verhältnis lesen, in dem Kontrolle, Demütigung und Schmerz ununterscheidbar ineinander übergehen. Besonders verstörend ist dabei die Verbindung von Verletzung und vermeintlicher Liebe. Zerstörung erscheint nicht mehr nur als etwas, das von außen geschieht, sondern als ein Muster, in dem das Ich sich selbst Gefangenschaft begibt.

„Still Awake“ gehört zu den eindringlichsten Momenten dieser inneren Reise. Die Nacht wird zum Zwischenraum, in dem Erinnerung, Angst und Wahrnehmung ineinanderlaufen. Vertraute Konturen lösen sich auf, die Grenze zwischen dem eigenen Selbst und seiner Umgebung verschwimmt. Noch deutlicher formuliert „Into the Void“ diesen Verlust der Identität. Der Blick auf das frühere Ich gleicht der Begegnung mit einem Fremden. Das ist mehr als bloße Melancholie. Der Mensch erkennt zwar, dass etwas von ihm geblieben ist, kann sich mit diesem Rest aber nicht mehr selbstverständlich identifizieren. Die innere Leere wird perfekt mit diesen trübsinnig anmutenden Cold Wave-Klängen begleitet.

Interessant ist in diesem Zusammenhang „Sweet Loneliness“. Einsamkeit erscheint hier nicht ausschließlich als Wunde, sondern auch als bittersüße Betäubung. Der eremitische Rückzug bietet Schutz vor den Zumutungen der Wirklichkeit, verlangt dafür jedoch den Verzicht auf wirkliche Nähe. Die beschriebenen Rausch- und Traumzustände wirken wie ein Ersatzleben, das beim Erwachen seine Versprechen nicht einlösen kann. Ein bisschen Timothy Leary lugt hervor. Auch „Never Leave, Never Die“ kreist um etwas, das nicht verschwinden will. Die beständige Präsenz des Angesprochenen lässt sich als Erinnerung, Bindung oder Schatten einer vergangenen Erfahrung lesen. Ob diese Unvergänglichkeit Trost spendet oder zur Last wird, bleibt bewusst ambivalent.

Erst „I Come Undone“ setzt dieser Bewegung eine erkennbare Gegenkraft entgegen. Spiegelbilder, fremde Gesichter und der Verlust des eigenen Namens führen zunächst noch einmal tief in die Selbstentfremdung. Doch im weiteren Verlauf verschiebt sich die Perspektive: Das lyrische Ich beginnt, die eigenen Konturen wiederzufinden und sich von den inneren Verfolgern zu lösen. Die einsetzende Morgenhelligkeit steht dabei nicht für ein plötzliches Happy End, sondern für einen vorsichtigen Prozess der Rückeroberung. Dass darauf „Astral Fall“ folgt, passt zu dieser widersprüchlichen Bewegung. Zwischen Höhe und Absturz, Licht und Schatten, Liebe und Hass bleibt das Leben ein Zustand des Dazwischen. Der abschließende Titel „One Out, One In“ überführt diese Spannung schließlich in das Bild eines unerbittlich kreisenden Rades: Verlust und Neubeginn gehören zu einem Kreislauf, den der Einzelne kaum kontrollieren kann.

Damit schließt sich der thematische Bogen von „Gloomy Days“. Das Album erzählt keine geradlinige Geschichte von der Dunkelheit zurück ins Licht. Es beschreibt vielmehr verschiedene Formen, in denen Menschen mit Schmerz umgehen. Sie verdrängen, klammern sich fest, flüchten in die Einsamkeit oder verlieren zeitweise den Bezug zu sich selbst. In der Verbindung aus dunkler Elektronik, Coldwave und Post-Punk erhält diese innere Bewegung einen konsequenten musikalischen Rahmen. Nicht jeder Text eröffnet dabei eine neue Perspektive; manche Motive der Leere und des Verschwindens kehren bewusst wieder. Gerade diese Wiederholung lässt sich als Ausdruck einer Gedankenspirale verstehen, aus der es keinen einfachen Ausweg gibt.

Die eigentliche Stärke von „Gloomy Days“ liegt deshalb weniger in der Aussicht auf Erlösung als in der Bereitschaft, widersprüchliche Gefühle auszuhalten. IAMNOONE führen ihre Hörer durch ein Album, in dem Einsamkeit zugleich Zuflucht und Falle, Erinnerung zugleich Bindung und Belastung und Hoffnung zunächst kaum mehr als ein schwacher Lichtschein ist. Am Ende bleibt keine fertige Antwort, sondern die Möglichkeit, sich selbst im Spiegel der Dunkelheit wiederzuerkennen. „Gloomy Days“ gibt es auch als physische CD. Sie ist als limitiertes Digipak mit nur 300 Exemplaren erschienen. (andreas)