SWEET ERMENGARDE :: Spukgeschichten


Seit Wochen rotiert „Raynham Hall“, das begeisternde Debüt der Bochumer Gothic Rock Band SWEET ERMENGARDE in meinem CD-Player. Als logische Konsequenz würdigte Amboss das Werk mit gleich zwei Reviews. Das Quintett aus dem Ruhrgebiet vollführt perfekt die Symbiose aus nostalgischen Klängen, soundtrack-ähnlichen Fields Kreationen und modern treibendem Gothic Rock. Die atmosphärisch dicht konzipierten Soundkreationen verführen den Hörer mit eingängigen Hooklines, wummernden Bässen, in Moll getauchten Saiten und einem Timbre, welches sich dunkel schwebend über die Klanglandschaften erhebt. (andreas)

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Die Bandgeschichte ist noch recht jung, allerdings gibt es eine länger zurückliegende, teilweise gemeinsame Epoche. Glaubt ihr das SE das Zielprodukt einer Findungsphase ist?

Lars: Ja, wir kannten uns alle schon vorher aus anderen Projekten, die Urbesetzung ging dann ja sogar komplett aus einer anderen Band hervor. Es fehlte uns dann nur ein Sänger und wir haben uns dann letztendlich für Kuba entschieden mit den wir auch schon von früher zusammen gespielt haben.

Ich würde die früheren Bands aber nicht unbedingt als “Findungsphase” bezeichnen, dafür waren die Gesamtumstände zu Unterschiedlich. Ich würde aber trotzdem sagen, mit Sweet Ermengarde an ein Ziel gekommen zu sein, auch wenn wir mit der Band noch ganz am Anfang stehen.

 

Wie wichtig ist der Bandname im Goth Rock Genre und wie kamt ihr auf die Idee, bei der Namensfindung auf eine Kurzgeschichte von H.P. Lovecraft zurück zu greifen?

Lars: Lovecraft war ja irgendwie naheliegend. Ich habe die Geschichte gerade gelesen und fand sie ziemlich absurd – das passte irgendwie gut zu den Umständen, die zu unserer Gründung führten. Außerdem finde ich, dass er gut klingt und habe sie dann als Bandnamen vorgeschlagen.

 

In Zeiten des Downloads ist der Fokus auf Cover/ Booklet eher marginal. Das ist bei euch anders. Welchen Wert genießt das Cover Artwork?

Lars: Downloads spielen für uns eigentlich gar keine Rolle. Unser Vertrieb bietet die natürlich an, wird aber von unserem Publikum so gut wie gar nicht genutzt, das ist da wohl eher Oldschool. Ich selber kaufe mir allerdings auch ausschließlich CDs und LPs. Daher ist das optische und haptische Erlebnis schon wichtig.

Auf dem Cover ist ein Foto mit einer Geistererscheinung. Es zeigt aber nicht das berühmte Originalfoto der „brown Lady“. Hättet ihr es gerne verwendet?

Lars: Ja, das hätten wir in der Tat. Das Country Life Magazine, in dem das Foto 1936 ursprünglich erschien, hat uns auch freundlicherweise die Rechte dazu erteilt. Leider haben wir später erfahren, dass die Rechte aber gar nicht mehr beim Magazin lagen. Der aktuelle Inhaber hat aber nicht auf unsere Anfragen reagiert, sodass wir kurz vor der Veröffentlichung gezwungen waren, ein anderes Bild zu nehmen. Da das Album aber bereits konzeptionell stand, sollte das neue Bild dann am Original angelehnt sein und wurde dann von Billy aus Spanien über Nacht für uns entworfen.

 

Raynham Hall“ ist ein altes Herrenhaus in England in dem eine Lady spuken soll. Wie seht ihr solche „realen“ Geistergeschichten?

Lars: Ich stehe einfach auf Gothic Novels und Gruselgeschichten. Und durch dieses angeblich Reale hat das Bild einfach eine starke Wirkung und daher kam auch die Idee, das als Cover zu verwenden. Allerdings bin ich überzeugter Atheist. Ich liebe das Dunkle und Geheimnisvolle, aber es bleiben für mich Geschichten die aber auch durchaus ein Spiegel der Seele sein können.

 

Sind eure Texte von solchen Geschichten beeinflusst oder welche Inspirationsquelle liegt den Texten zu Grunde?

Lars: Ein paar der Texte hat ja Jörg geschrieben, die sind deutlich daran angelehnt. Er selber schreibt ja auch Romane. Kubas Texte sind weniger erzählerisch und handeln mehr vom Inneren.

 

Mir ging tagelang „Kisses“ nicht aus dem Kopf. Könnt ihr ein wenig über das Stück erzählen und war euch klar, dass der Chorus derartig hängenbleibt?

Lars: Eigentlich hatte ich keine Vorstellung davon, wie der Gesang klingen würde, als ich Kisses schrieb, damals hatten wir ja noch keinen Sänger. Aber ich habe versucht genug Raum für die Stimme zu lassen. Als es fertig war, habe ich den Song mal Jörg Kleudgen (The House Of Usher) geschickt, der interessiert daran war, was wir jetzt machen. Er hat sich dann einfach drangesetzt und mir kurz darauf eine Gesangsspur zugeschickt. Diese Version wurde dann als Beitrag auf dem Gothic Magazine Heftsampler. auch unsere erste Veröffentlichung.

 

Es ist begeisternd zu Hören, wie sich die einzelnen Stücke im Songverlauf entwickeln. Dramatik, Spannung, Tempiwechsel usw. Gibt es Inspirationen aus Filmsoundtracks und wie gelingt es euch die Atmosphäre derart dicht und verführerisch zu konzipieren?

Lars: Auf jeden Fall, in Necropolitan Rest steckt mit Sicherheit etwas Morricone. Wir versuchen jedenfalls songorientiert zu arbeiten, was nicht so selbstverständlich ist wie es sich anhört, und auch mal Räume zu lassen. Oft sind die Noten die man weglässt wichtiger als die die man spielt. Einen großen Teil des Songwritings macht aber auch der Sound aus. Da kann man schon recht lange dran arbeiten, bis man den richtigen Sound gefunden hat und alles ineinander greift.

 

In der heutigen Zeit sind ausladend arrangierte Songs mit entsprechend längerer Spielzeit eher selten. Bei euch ist es sicherlich ein Qualitätsmerkmal und es überrascht daher auch nicht, dass ihr Doors oder Pink Floyd als Einflüsse nennt. Wenn man als Hörer das Album richtig genießen will, braucht es Aufmerksamkeit. Wie seht ihr das?

Lars: Das ist wohl der eigenen Hörgewohnheit geschuldet. Ich höre gerne und aufmerksam Musik und dann werden einfache eindimensionale Song halt schnell langweilig.

Danny: Klar, ich denke mal, das hat Musik so an sich, wenn sie sich per se nicht als Fahrstuhlmusik versteht… Obwohl es bestimmt auch Leute gibt, die dieser etwas abgewinnen können und ihr ihre volle Aufmerksamkeit schenken… Wer weiß das schon, manche Leute haben einen seltsamen Musikgeschmack…

 

Es gibt in „For this moment“ ein längeres, schräges Zwischenspiel. Was steckt dahinter?

Lars: Wenn wir das verraten, werden wir bestimmt verhaftet, oder so. Da überlasse ich das dann doch lieber dem Hörer wie er das interpretieren möchte.

 

Gibt es einen Song des Werkes, welchen ihr als typisch für SE bezeichnen würdet, quasi als Erkennungsmerkmal?

Lars: Dass die Frage aufkommt, zeigt ja schon, dass es schwierig ist, einen Song herauszupicken, der stellvertretend für alle anderen stehen kann. Dafür unterscheiden sie sich zu stark voneinander. Als wir noch keinen Sänger hatten war es sogar so, dass ich mich am Anfang gefragt habe, wie das alles sinnvoll auf ein Album passen kann. Aber der Gesang hat es denn zu einer Einheit zusammengeschweißt. Wenn ich aber einen zentralen Song nennen müsste, wäre das A Promise To Fulfill.

 

 

Was hat es mit dem seltsamen Hidden Track auf dem Album auf sich?

Lars: Das Stück hebt sich natürlich vom Rest des Albums ab. Deshalb erscheint er auch nicht auf der Titelliste, was seinen besonderen Status zusätzlich unterstreicht. Es ist ein Klangexperiment das übrigens ohne Keyboard auskommt und komplett auf Gitarre entstand. Wenn man sich auf darauf einlassen kann, ist es sehr wirkungsvoll und erzeugt eine Stimmung, die genau der richtige Abschluss für das Album ist.

 

Das aktuelle Album wird demnächst als LP Version bei Gothic Music Records erscheinen. Habt ihr dafür die Songs überarbeitet und was darf der Hörer erwarten?

Lars: Ja, der Mix wurde noch einmal überarbeitet und das Master für die Veröffentlichung auf Vinyl optimiert. Die LP ist also nicht einfach nur eine Kopie auf einem anderen Datenträger sondern stellt eine echte Bereicherung dar. Außerdem soll die LP ein neues Artwork bekommen.

 

Für einen Rezensenten ist es immer schwer ohne Vergleiche auszukommen. Wenn ihr mit den alten Heroen des Genres verglichen werdet, ist dies eher Fluch oder Segen?

Danny: Sowohl als auch. Auf der einen Seite ist man mit Bands wie New Model Army, den Sisters, Red Lorry Yellow Lorry etc. aufgewachsen und hat mit ihnen angefangen ein Interesse und eine Leidenschaft für Musik zu entwickeln. Ich bin mir nicht sicher, ob ich angefangen hätte, Gitarre zu lernen, wenn es David Bowie oder Joy Division nicht gegeben hätte. Es ist also dann auch schon sehr schmeichelhaft, wenn man mal mit And Also The Trees oder Fields Of The Nephilim verglichen wird.Wenn sich unser musikalischer Output jetzt nur darauf beschränkte so oder so ähnlich zu klingen und das von der Öffentlichkeit auch so wahrgenommen würde, wäre das sicherlich nicht so erstrebenswert. Vergleiche anzustellen ist schon in Ordnung. Ohne die Bands die uns inspiriert haben, mit Musik anzufangen, wären wir heute sicherlich ganz woanders.

 

Welche Bedeutung haben Liveauftritte? Wie seht ihr die momentane Entwicklung diesbezüglich (Auftrittsmöglichkeiten, Konzert-, Festivalveranstalter)?

Danny: Wir spielen gerne Konzerte und es ist ein gutes Gefühl, die Songs live vor Publikum zu spielen. Da merkt man sehr direkt und unverfälscht, welche Stücke funktionieren und wie sie bei den Leuten ankommen. Es ist so ein etwas unberechenbareres Erlebnis, als der Studioalltag, wo man erst nach sehr viel Arbeit so etwas wie eine Rückmeldung bekommt. Im Live-Kontext passiert das zeitgleich und direkt und das ist schon eine tolle Erfahrung. In diesem Sinne haben Auftritte schon eine nicht gering zu schätzende Bedeutung für uns und wir freuen uns über die Gelegenheit, Gigs mit Bands zu spielen, deren Musik uns auch sehr gefällt.

 

Schreibt ihr momentan an neuen Songs und wie geht es mit SE weiter?

Danny: Ja, wir haben bereits mit dem Songwriting angefangen und machen uns erste Gedanken um das nächste Album. Aber ich denke, es ist zu früh, um über unsere Pläne diesbezüglich zu reden. Immerhin haben wir gerade erst unser Debüt Raynham Hall veröffentlicht!

Lars: Aktuell liegt der Fokus eher noch auf den kommenden Liveauftritten, da wir auch unseren neuen Gitarristen Mike York (Ex-Garden Of Delight) einarbeiten müssen, was aber sehr gut klappt. Er ist ein toller Gitarrist und passt perfekt in die Band.

Hörproben: http://sweetermengarde.bandcamp.com/