EMPFEHLUNG, REVIEW

Jahresbericht Raphael 2020

Mein 7. Jahresbericht ist fällig und somit sitze ich vorm Laptop und haue in die Tasten. 2020… Was für ein Schrotthaufen von Jahr. Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie viel meiner Lebenszeit ich dieses Jahr damit verschwendet habe, wütend zu sein. Querdenker, Verschwörungstheorien, Impfgegner, US-Wahlen (Trump) und sonstige Kacke, die dieses Jahr so um die Welt ging. Ich möchte hier einfach mal „Danke“ sagen an alle Menschen in meinem Umfeld und „Danke“ an alle Menschen im ärztlichen, pflegerischen und sozialen Bereich, die die Welt dieses Jahr wirklich gebraucht hat. Danke, dass ihr da seid. Danke, dass ihr so seid wie ihr seid. Danke, dass ihr für mich da wart und mich in diesem dunklen Jahr unterstützt und begleitet habt und mir einfach gezeigt habt, wie lebenswert das Leben doch ist. Wir schaffen das!
Ich mache mir zwar das ganze Jahr über immer kleine Notizen, damit ich am Ende des Jahres nicht noch einmal das ganze Internet und meinen LP Schrank durchsuchen muss, aber ich habe das Gefühl, dass der Output von guten Alben in den letzten Jahren immer mehr geworden ist. Vor einigen Tagen habe ich noch einmal alle Deaf Forever Ausgaben aus diesem Jahr gewälzt, um zu schauen, ob ich nicht vielleicht doch noch ein Goldstück verpasst habe. Es folgen meine Top 15 Liste, meine Top 5 Folk Liste und eine kleine Liste von Alben, die ich zwar auch geil fand, aber einfach nicht mehr in die anderen Listen gepasst haben. Ich versuche meine Topliste immer eher undergroundig zu halten, da ich persönlich keinen Bock darauf habe, 800 Toplisten mit immer denselben Bands zu lesen. Klar sind bei den Alben von großen Bands auch immer geile Sachen dabei, aber meistens holen mich kleinere Bands genauso ab.

Top 15 – Jahr 2020:

Top 15: Karloff – Raw Nights (Dying Victims Productions)
Karloff haben mich ab der ersten Sekunde gepackt. Räudiger Hellhammer Punk mit geilem Cover und geilen Horrortexten. Zu Karloff muss ich gestehen, wusste ich vorher schon, dass es die Band in der Topliste wird, zu der ich am wenigsten schreiben kann. Und genau das beschreibt die Musik auch sehr gut. Schnörkelos, räudig und einfach mit unglaublichem Drive. We Like Blood!

Top 14: Toadeater – Bit To Ewigen Daogen (Vinyl bei Revolvermannrecords)
Als Fan der ersten Stunde habe ich mich natürlich sehr auf das zweite Album von Toadeater gefreut. Für mich macht hier klar die Geschwindigkeit und die rasanten Riffwechsel den Reiz aus. Großartiges Geballer, dass sich nicht hinter Genregrößen wie Wiegedood verstecken muss. Toadeater machen Bock und können mich auch mit ihrem neuen Album gut abholen. Ich freue mich auf zukünftige Konzerte und Releases!

Top 13: Ultha – Floors of Heaven EP (Vendetta Records)
Ich persönlich konnte in Ultha‘s Diskografie noch nicht einen persönlichen Ausfall verzeichnen und somit ist auch die neueste, knapp 10-minütige, EP ein absoluter Anspieltipp. Ultha sind für mich von Anfang an eine absolute Lieblingsband gewesen und unterstreichen hier auch nochmal ihre Wichtigkeit für mich als Mensch und Musiker. Danke Ultha!

Top 12: Katla – Allt Betta Helvitis Myrkur (Prophecy Productions)
Katla aus Island zelebrieren melancholischen Post Metal mit viel Atmosphäre und ordentlichem Doom Einschlag. Kopf hinter der ganzen Geschichte ist Ex-Solstafir Gitarrist Gudmundur, der mich mit diesem Release sehr gut erreichen kann, wohingegen seine Exkollegen mit ihrem neuen Album, bei mir persönlich, eher abstinken. Dieses Album ist gelebtes Kopfkino und kann ich jedem uneingeschränkt für graue Herbsttage auf dem Sofa empfehlen. Die Mischung aus Metal Passagen und eher dronigen Soundwänden mit geilen Melodien funktioniert großartig.

Top 11: Black Curse – Endless Wound (Sepulchral Voice Records)
Wenn Bandmitglieder von Khemmis, Primitive Man, Blood Incantation und Spectral Voice ein Album aufnehmen, wissen wir, dass es keine Lounge Musik wird. „Endless Wound“ ist ein mieser Bastard aus Grindcore, Death und Black Metal. Hallige Kotzvocals, rumpelige Drums und arschtighte HM2 Riffs knattern in völliger Schwärze durch die Gegend und hauen jeder mega trven Schmalspur Tough Guy Band ihre komplette Diskografie samt Kackwurst Merch in die Fresse. So geht geile Musik!

Top 10: Göden – Beyond Darkness (Svart Records)
Wer mich gut kennt, weiß dass ich schon langer großer Fan der geistigen Death/Doom Vorväter Winter bin. Völlig überraschend kam dieses Jahr das Album „Beyond Darkness“ von Göden (inkl. Winter Gitarrist) bei Svart Records raus. Langsam und knarzend setzen sie genau da an, wo Winter 1992 aufgehört haben. Göden machen Bock, drücken schön das Bremspedal durch und verlieren da aber keineswegs an Drive und Groove. Platte kaufen, reinhören!

Top 9: Nekrovault – Totenzug: Festering Peregrination (Van Records)
Ich merke immer wieder, dass ich früher eher so modernen und geleckten Death Metal bevorzugt habe. Und da sind auch bis heute einige meiner absoluten Lieblingsalben dabei. Aber gerade in den letzten Jahren gefällt mir speziell die ranzige und rumpelige Death Metal Variante immer mehr. Schuld daran sind auf jeden Fall die Jungs von Cryptic Brood. Nekrovault schlagen genau in diese Kerbe. Fette Gitarren, arschtighte Drums und einfach eine geile Gruft Atmosphäre. Besonders die Länge der Songs gefällt mir gut. Nekrovault können auf jeden Fall mehr als 3 Minuten Death Geknatter.

Top 8: Feaces Christ – Eat Shit and Die! (Tape bei Kellerassel Records)
Schrabbeliger Gammel Death Metal Punk aus Deutschland, der mich von Anfang an voll überfahren hat. Hier stimmt einfach alles. Ranziger Gitarrensound, Uffta Uffta Drums, starker Name/Albumtitel und Vocals aus der tiefsten Madengruft, einfach geil. Ich konnte Goreseidank noch eins der Tapes abgreifen und seitdem wird mein Tapedeck auch mal wieder öfter benutzt. Ich hoffe nach Corona mal ein Livekonzert sehen zu können. Rot in Hell!

Top 7: Havukruunu – Uinuos Syömein Sota (Naturmacht Productions)
Neben Wayfarer und Toadeater mein drittes Black Metal Album in diesem Jahr, dass es in die Toplist geschafft haben. Für mich klingen Havukruunu wie Moonsorrow mit wesentlich mehr Blasts und Black Metal Anteilen. Meistens eher mit voll durchgedrücktem Gaspedal machen Havukruunu einfach nur Bock. Schnell, rasend, melodisch… Einfach Hammer. Die Cleangesänge und folkigen, melodischen Parts runden, die hammergeilen Riffs ab. Die unterschwellige Rockstartattitüde, die stets mitschwingt, die kauzigen Vocals auf finnischer Sprache und auch die Aussagen der Bandmitglieder gegen rechten und homophoben Schrott sind für mich natürlich die Sahnehaube…

Top 6: Eremit – Desert of Ghouls EP (Transcending Obscurity Records)
Eremit aus Osnabrück durfte ich bis heute leider nur auf Platte erleben. Ich freue mich auf jeden Fall sehr auf ein Livekonzert nach Corona. Das erste Album „Carrier of Weight“ (drei Songs in über einer Stunde Spielzeit) konnte mich schon überzeugen und „Desert of Ghouls“ tut dies genauso. Repetitive Riffs, knarziger/warmer Sound und lange Songs sind genau meine Baustelle. Die Mischung aus geilen, groovigen Staubriffs und psychedelischen, langsameren Passagen funktioniert auf ganzer Strecke und verleitet zu mehreren Fist Pumps im heimischen Wohnzimmer. Zusätzlich können Eremit mit einer starken Hintergrund Story überzeugen, die mich als Fantasy Nerd natürlich komplett abholt. Ich freue mich sehr auf zukünftige Releases.

Top 5: Wayfarer – A Romance with Violence (Profound Lore Records)
Wayfarer verfolge ich seit ihrem zweiten Album Old Souls aus dem Jahr 2016. Das Album fand ich damals ganz gut, aber bis heute stört mich der Sound etwas. Das 2018er Album World’s Blood gefiel mir auf Anhieb, aber „A Romance with Violence“ macht alles richtig, was früher bei Wayfarer vielleicht noch nicht ganz so rund war. Das Album macht für mich alles aus, was modernen Black Metal verkörpert. Gute Riffs, geile Stimmung und eine perfekte Mischung aus ruhigeren Parts und Geknatter. Ich bin echt gespannt, ob Wayfarer auf zukünftigen Releases die sehr hochgelegte Latte (hihi) nochmal toppen können.

Top 4: Deafkids/Petbrick – Deafbrick (Neurot Recordings)
Als großer Deafkids Fan konnte ich dieses Kollaborationsalbum gar nicht abwarten. Der erste Song „Forca Bruta“ haute mich direkt aus den Latschen. Deafkids sind eine psychedelische Noisepunk Band aus Brasilien und Petbrick ein Noiseduo (Iggor Cavalera und Wayne Adams) aus London. Beide Bands haben es unglaublich gut hinbekommen, diesen Songs ihre individuelle Note aufzudrücken und es ballert von vorne bis hinten. Alle Fans von elektrischen und analogen Noisepunkgeballer können hier, ohne mit der Wimper zu zucken, zugreifen.

Top 3: Emma Ruth Rundle / Thou – May our Chambers be full (Sacred Bones Records)
Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich Emma Ruth Rundle, sowie Thou, erst durch ein YouTube Video eines Misfits Coversets auf dem Roadburn 2019 kennengelernt habe. Ich habe mich danach etwas ausgiebiger beschäftigt und grade das Album „Marked for Death“ von Emma Ruth Rundle und das Album „Magus“ von Thou haben es mir besonders angetan. Als ich las, dass die Musiker ein Kollaborationsalbum herausbringen werden, war ich sehr gespannt. Und es hat mich nicht enttäuscht. „May our Chambers be full“ ist ein absolutes Meisterwerk. Schnell, langsam, brachial und seicht. Die Künstler ergänzen sich großartig und machen das Album für mich zu einem absoluten Herz Release.

Top 2: Anaal Nathrakh – Endarkenment (Metal Blade Records)
Anaal Nathrakh sind seit einigen Jahren eine meiner absoluten Lieblingsbands. Diese geile Mischung aus Black Metal, Grindcore, cleanen Kitschvocals im Chorus und elektronische Beats sind einfach die beste und kompromissloseste Medizin bei schlechter Laune. Das neue Album hat mich nicht so krass überzeugt, wie der Vorgänger „A new Kind of Horror“, dennoch ist es ein solides Album und der Song „The Age of Starlight Ends“ ist auf jeden Fall meine Hymne für 2020. Hört rein, lasst euch Sorgen hinter euch und genießt das totale musikalische Chaos Armageddon.

Top 1: Primitive Man – Immersion (Relapse Records)
Fett, Fetter, Primitive Man. Ich bin schon länger Fan dieser Sludge/Death/Doom aus Amerika, aber dieses Album setzt an Düsternis, Schwere und abgrundtiefen, depressiven Hass neue Maßstäbe. Primitive Man walzen in knappe 35 Minuten einfach alles nieder. Ich kann verstehen, wenn sich der/die ein oder andere Hörer*in zwischenzeitlich ein paar Blastbeats wünscht, aber grade diese Kombination aus walzenden Sumpfriffs und Endzeitgeschrei drückt bei mir alle richtigen Knöpfe. Der perfekte Soundtrack für diese 2020 Pandemie-Vollkatastrophe.

Top 5 – „Folk“ Bands 2020:

Top 1: Arstidir Lifsins – Saga a tveim tungum II: Eigi fjoll ne firdir (Van Records)
Die deutsch/isländische Kombo, mit unter Anderem Marcel Dreckmann (Sänger von Helrunar), haben dieses Jahr den zweiten Teil ihrer „Saga a tveim tungum“ herausgebracht. Ich kenne die Band erst seit letztem Jahr durch den ersten Teil der Saga, war aber direkt von ihrer Musik begeistert. Die Mischung aus Naturgeräuschen, akustischen Passagen und Black Metal sucht definitiv ihresgleichen. Die Texte, die in altnordischer Sprache vorgetragen werden, passen gut ins Gesamtbild. Insgesamt liefern Arstidir Lifsins auf jedem ihrer Ausnahmereleases perfektes Kopfkino für graue Herbst- und verschneite Winterabende.

Top 2: Manskensdvargar – I (One) (selfrelease)
Manskensdvargar ist ein Ein-Frau-Ambient Projekt aus Deutschland. Da in Norddeutschland der Winter bis jetzt ziemlich mäßig ausgefallen ist, ist dieses Release ein sehr schöner Ersatz für Schnee und Wald. Das erste Album „I“ nimmt einen auf eine wunderschöne Synthie-Ambient Reise durch verschneide Wälder und die nordische Kälte und Wärme. Der Bandname heißt auf Deutsch so viel wie Zwerge des Mondscheins und passt perfekt zur Musik. Das Tape kam mit drei Artprints mit Naturaufnahmen, einer wunderschönen Papierverpackung und Räucherkerzen. Die Künstlerin hat sich hier sehr viel Mühe gegeben und das macht dieses Tape Release zu einem optischen und akustischen Genuss. Absolute Empfehlung.

Top 3: Myrkur – Folkesange (Relapse Records)
In den letzten Jahren stand naturverbundene Folk Musik wieder sehr hoch im Kurs. Meine Liebe für diese Musik habe ich durch Ulver‘s „Bergtatt“ vor etlichen Jahren gefunden und Myrkur knüpft hier nahtlos an. Ich fand ihre älteren Releases mit der Black Metal Kante schon sehr gut, habe aber das Gefühl, dass sie hier ihre Komfortzone komplett erreicht hat. „Folgesange“ ist von vorne bis hinten perfekt. Das Album holt mich komplett ab und grade im Herbst/Winter war es eins der meistgehörten Alben auf meinem Plattenteller. Lasst euch verzaubern und taucht tief in skandinavische Folklore und Wälder ein.

Top 4: Wöljager – Van’t Liewen Un Stiäwen (Prophecy Productions)
Das Akustik-Folkprojekt von Marcel Dreckmann (Sänger von Helrunar und Arstidir Lifsins) kam mir überraschenderweise irgendwo im Netz auf den Tisch. CD bestellt und ich war direkt begeistert. Wöljager erzählt Geschichten aus dem Münsterland begleitet von Akustikgitarre und Streichinstrumenten. Dreckmann trägt alle Texte in münsterländischem Platt und mit melancholischer Gesangsstimme vor. Dies funktioniert wahnsinnig gut und erzeugt eine richtig dichte Stimmung. Laut eigener Aussage wollte er „die ernsthafte Seite des Dialekts und der Erzählstoffe der Region vertonen“ und das ist ihm ausgezeichnet gelungen. Die CD kommt in einem sehr schön aufgemachten stoffgebunden Buch, in dem alle Texte auf Deutsch und Englisch abgedruckt sind.

Top 5: Forndom – Fafnir (Eisenwald/Nordvis)
Forndom hat mir meine Freundin vor einiger Zeit mal nebenbei gezeigt. Ich bin schon länger großer Fan von Bands wie Wardruna, und Forndom machen Musik in eine ähnliche Richtung. Texte auf Schwedisch werden von Streichern, Trommeln und Ambientmusik begleitet und entführen den Hörer in absolut meditative Klangwelten nach einem stressigen Arbeitstag. Eine wirkliche Hörempfehlung für jeden Fan von Bands mit folkigem und nordischem Einschlag.

Weitere starke Alben 2020:
Mantar – Grungetown Hooligans II (selfrelease)
Napalm Death – Throes of Joy in the Jaws of Defeatism (Century Media Records)
Cirith Ungol – Forever Black (Metal Blade Records)
Naxen – Towards the Tombs of Time (Vendetta Records)
Paradise Lost – Obsidian (Nuclear Blast)
Benediction – Scriptures (Nuclear Blast)
Enslaved – Utgard (Nuclear Blast)
The Ocean – Phanerozoic II: Mesozoic/Cenozoic (Metal Blade Records)
Afsky – Ofte Jeg Drommer Mig Dod (Vendetta Records)
Bell Witch / Aerial Ruin – Stygian Bough Volume I (Profound Lore Records)

Ich weiß, dass so eine Topliste nie komplett ist. Ich habe bestimmt noch einige gute Scheiben vergessen und obwohl es dieses Jahr wieder ein sehr langer Bericht geworden ist, denke ich, dass Spaß beim Lesen vor Streben nach Auflistung jeder guten Band gehen sollte 😉
Danke für eure Aufmerksamkeit und bleibt gesund!