BUCH “Black Celebration. 20 Jahre / 20 years Wave-Gotik-Treffen”

Online seit 25.07.2011

BUCH

“Jennifer Hoffert / Alexander Nym (Hg.) ‘Black Celebration. 20 Jahre / 20 years Wave-Gotik-Treffen'”

Wertung: Empfehlung!
VÖ: 10.06.2011
Verlag:  Plöttner Verlag
2011, 192 Seiten, Maße: 16 x 14 cm, Klappenbroschur, Deutsch / Englisch, Plöttner Verlag, ISBN: 978-3-86211-037-7, 13 Euro.

 

Seit 1992 trifft sich die Gothic-Szene alljährlich an Pfingsten in Leipzig, um gemeinsam das Wave-Gotik-Treffen (WGT) zu zelebrieren. Während es sich dabei in den ersten Jahren noch um eine recht überschaubare Veranstaltung (höchstens ein paar Dutzend Künstler, maximal ein paar Tausend Besucher) handelte, hat sich das WGT seit den späten 90er Jahren zu einem Großspektakel (zumeist etwa 200 Künstler, in der Regel um die 20.000 Besucher) entwickelt. Dieses Jahr war es dann soweit: Das WGT feierte sein 20-jähriges Jubiläum.

Anlässlich des Jubiläums hat der Plöttner Verlag nun einen Gedenkband zum WGT veröffentlicht. Die Herausgeber Jennifer Hoffert und Alexander Nym halten gemeinsam mit etwa 20 Autoren Rückschau auf die Geschichte des Festivals. In Form von Anekdoten, Erinnerungen und Überlegungen gelingt es den Autoren, greifbar werden zu lassen, was den besonderen Zauber dieser Veranstaltung ausmacht. Im Kern scheint dieser Zauber darin zu bestehen, Gleichgesinnte zu treffen und mit diesen im Rahmen des Festivals das schwarze Lebensgefühl zu feiern.

Neben dieser recht allgemeinen Beschreibung sind es freilich unzählige Details, durch die das WGT seinen speziellen Reiz entfaltet: Da wären etwa die vielen verschiedenen Veranstaltungsorte, die über die ganze Stadt verteilt sind. So bekommt man im Lauf der Jahre immer wieder neue und interessante Ecken von Leipzig zu sehen. Zum anderen sind es die schiere Menge und die enorme Verschiedenartigkeit der zur Auswahl stehenden Kulturangebote, die faszinieren. Bei welch anderer Veranstaltung kann der Besucher wählen zwischen den Kategorien Konzert, Mittelalter-Markt, Kino, Oper, Theater, Rollenspiel, Gemäldegalerie, Lesung!? Wobei dies ja bei weitem noch nicht alle Kunstsparten sind, die alljährlich abgedeckt werden.

Es ist also kein Wunder, dass sich das WGT zum weltweit wichtigsten Wallfahrtsort der Gothic-Szene entwickelt hat. Tatsächlich pilgern die Besucher teilweise sogar von sehr weit her (Australien, Japan, USA), um das Mekka der Schwarzen Szene zu erleben. Angesichts der Internationalität der Veranstaltung erscheint es zweifelsfrei sinnvoll, dass der vorliegende Band durchweg zweisprachig (Deutsch / Englisch) gestaltet wurde.

Nicht nur durch die Textbeiträge wird die besondere Magie der Veranstaltung recht gut eingefangen. Auch die vielen Fotos (Schwarz-Weiß und in Farbe) spiegeln die Stimmung des WGTs treffend wider. Hier zeigt sich eindrucksvoll, dass es nicht zuletzt die mitunter kunstvoll gestylten Besucher sind, die der Veranstaltung ihren Stempel aufdrücken. Ohnehin sind es ja vor allem die Besucher, durch die Leipzig jedes Jahr für eine paar Tage in eine schwarzromantische Stadt verwandelt wird.

Obgleich alle Texte lesenswert sind, gefällt mir natürlich der eine oder andere Beitrag besonders gut. Da wären zum Beispiel die Zeilen von Andreas Plöger. Plöger schildert, warum es ihm als Teeny jahrelang nicht möglich war, das WGT zu besuchen. Die Erzählung versinnbildlicht, wie schwierig es ist, erwachsen zu werden bzw. eine eigene Identität zu erlangen: Zunächst schafft es der Autor nicht auf das Festival, weil es ihm an der nötigen Durchsetzungskraft gegenüber der mütterlichen Zentralgewalt mangelt. Dann verzichtet er freiwillig auf das WGT – der Grund: Die Veranstaltung ist ihm plötzlich nicht mehr “cool” genug. Und im Jahr darauf hat Plöger irgendetwas Nebulöses an der Bandauswahl auszusetzen. Schließlich, wir schreiben mittlerweile das Jahr 2006, ist es endlich soweit: Der Autor nimmt am WGT teil und ist vollauf begeistert. Plögers Text ist mit leichter Hand geschrieben und mit reichlich Selbstironie gesegnet.

Auch der Beitrag von Marcus Stiglegger verdient besondere Beachtung. Dies liegt vor allem daran, dass sich der Autor mit der wahrlich legendären Gothic-Rock-Formation FIELDS OF THE NEPHILIM beschäftigt. Selbst diejenigen, die dieser Band wenig abgewinnen können, werden einräumen müssen, dass die Gruppe bis zum heutigen Tag eine wichtige Bedeutung für die Szene hat. Stiglegger wählt die passenden Worte, um die Magie der Band zu beschreiben – einer Magie, die bekanntlich auch den Geist des mythischen Schamanismus atmet. Trotz aller Zauberkunst: Erfreulicherweise findet Stiglegger auch kritische Töne zum Kultphänomen FIELDS OF THE NEPHILIM bzw. zum Mastermind Carl McCoy.

Den Schlusspunkt des Buches bilden die Ergebnisse einer Studie, die im Rahmen eines Seminars der Uni Leipzig stattfand. Ziel der Untersuchung war es, herauszufinden, worin die gemeinsame Identität der Gothic-Anhänger besteht.

Knapp 300 Besucher des WGTs wurden befragt. Die Studie bestätigt die Erwartung, dass in der Szene die Werte Toleranz, Individualität und Gewaltlosigkeit einen besonders hohen Stellenwert genießen. Hingegen interessieren sich Gothic-Fans anscheinend nicht in dem besonderen Umfang für die Themen Religion und Tod, wie es bislang angenommen wurde. Die Autorinnen Marliese Weißmann und Nicole Sachmerda-Schulz weisen aber auch darauf hin, dass die Ergebnisse mit Vorsicht zu betrachten sind, da die Menge der befragten Besucher ja eher klein war.

Tatsächlich vermittelt das Buch auf unterhaltsame Weise einen ausgezeichneten Eindruck davon, welch einzigartige und wundervolle Kulturveranstaltung das WGT ist. Doch bei aller Qualität des WGTs: Natürlich ist auch hier nicht alles perfekt. Dass man davon in diesem Buch eher wenig liest, ist verständlich. Schließlich kann man von einem Jubiläumsband nicht erwarten, dass der Jubilar besonders kritisch gesehen wird. So wird beispielsweise in dem Buch gänzlich ausgeblendet, dass der Veranstalter des WGTs seit Jahren unangenehm auffällt, weil er den Verkauf von rechtsextremen Waren auf dem WGT duldet. Diesen Missstand kritisieren Teile der Gothic-Szene schon seit Jahren. Das kritikwürdige Verhalten des WGT-Veranstalters gegenüber dem Rechtsextremismus hat auch schon die Band ASP zum Protest veranlasst: Seit zwei Jahren boykottiert sie das WGT.

Freilich ändert der politische Blindflug des derzeitigen WGT-Veranstalters nichts daran, dass das Buch ein wirklich schönes Denkmal ist, um an das 20-jährige Jubiläum des WGTs zu erinnern. Kritisieren könnte man allenfalls, dass das Format des Buchs (16 x 14 cm) etwas klein ausgefallen ist. Aber schließlich können auch kleine Denkmäler von besonderer Strahlkraft sein, was hier ja zum Glück definitiv der Fall ist. In diesem Sinne: Es lebe dieses kleine Buch-Denkmal! Und es lebe das WGT! (stefan).

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