REVIEW

SALINE GRACE „The Tree of Knowledge“ (Dark Folk Wave / Melancholic Wave)

SALINE GRACE

„The Tree of Knowledge“
(Dark Folk Wave / Melancholic Wave)

Wertung: Gut+

VÖ: 18.05.2026

Label: Eigenproduktion

Webseite: Homepage / Facebook / Bandcamp

Es ist mir immer wieder ein besonderes Vergnügen, VÖs von Ricardo Hoffmann zu besprechen. Mit „The Tree of Knowledge“ veröffentlicht er nun bereits das fünfte Album von SALINE GRACE. Erneut gelingt es dabei, ein beeindruckendes, tief gefühlvolles Werk in die Hände der geneigten Hörerschaft zu legen.

Das Album beginnt gleich mit dem Titelsong, der gewohnt ruhig in die Gehörgänge dringt, dabei aber eine ganz besondere innere Energie beherbergt. Das folgende, wie mit Weichzeichner gemalte „Lethal Anaconda“ kommt leicht wellenförmig daher und liefert neben der Melancholie, dieses leicht Verträumte. „Raven Berta“ wird mehr erzählt als gesungen, was die ganze Geschichte ein wenig bedrohlicher erscheinen lässt. Ein wunderschöner, sehr gelungener Beginn. Drei Songs, wie gemalt für die Musik von SALINE GRACE. Man spürt förmlich das Elegante und auch die Herausforderung, die fein gezeichneten Gemälde zu interpretieren.

Die zweite Seite der Doppel LP beginnt mit dem bedrückenden Thema „Selbstjustiz“ (hier Eltern, die den Missbrauch und die Tötung ihres eigenen Kindes rächen). Langsamer Aufbau, verführerische Harmonie und ein elegant dahinfließender Sog aus feingliedrigen Saiten und harmonischen Tönen weist so gar nicht auf die abgründige Geschichte dahinter hin. Wie gut, dass es hernach mit dem schwungvollen Instrumental „Autumn Realms“ eine kleine Auflockerung gibt. Es folgt die aktuelle Singleauskopplung „Room to let“. Ein berührendes Stück, welches sich mit dem Phänomen der Einsamkeit trotz hoher Bevölkerungsdichte beschäftigt, bei der Menschen in Städten trotz ständiger Umgebung von anderen isoliert leben. Die musikalische Atmosphäre scheint eher eine ferne Einöde zu beschreiben. Geschickte Erhebungen in der Hookline und verspielte Schachtelungen sorgen für kleine Spannungsbögen.

„Grapes“ erklingt phasenweise etwas sperrig. Die Disharmonien verschlingen den abgründigen Text und packen dich mitten in der Unruhe. „Skagerrak“ ist ein dramatisch daherkommender Instrumentalsong, der mich ein wenig an Richard Strange erinnert. Der orientalische Touch verleiht dem Stück eine gewisse Fremde, während „Memories of Winter“ seltsam vertraut daherkommt. Die innewohnende Ruhe lässt tagträumerische Gedanken zu. Die zartschmelzende Ästhetik glänzt konträr zur vorherigen Erregung. Eine samtene Glättung, die auch durch die gefühlvolle Stimme eine gelungene Hegemonie erzeugt. Das dramatische Schlussepos „Weeping Wounds“ beschäftigt sich mit (ungelösten) Traumata des Lebens. Ein anmutiger, würdevoller Abschluss, der auch noch mal die Ambivalenz zwischen tragischer Poesie und dieser eindringlichen, sehr gefühlvollen Musik aufscheinen lässt.

Fazit: Rein textlich gesehen, dürfte es das düsterste Album von SALINE GRACE sein. Musikalisch scheint Ricardo sein Augenmerk diesmal nicht nur auf diese besondere, dem Hörgenuss dienende Melodielinie gelegt zu haben, sondern auch dem experimentellen dunklen Alternativ-Rock oder dem Dark Jazz eine Tür geöffnet zu haben. Dabei bleibt das Gesamtkonstrukt allerdings voller anekdotischer, kleiner Melodien, die den Hörer berühren, oder den Text unterstützend dem Gesamtbild eine Farbe geben. Neben einer bestimmenden Gitarre kommen auch Mandolinen, Bass, Klavier, Orgel und Jazz-Drums zum Einsatz. Die filigrane Verschmelzung dient dann als verführerischer Teppich für den emotionalen Bariton Ricardos. Fans von NICK CAVE oder AND ALSO THE TREES dürften viel Freude an dem Album haben. Physisch wird das Werk als Doppel LP veröffentlicht. (andreas)