ROME :: Den Horizont erweitern

Online seit 1.11.2014

Vorwort:

Es gibt so Momente im Leben, die unvergleichlich sind. So einer fand kürzlich in Leipzig statt, als ich ein Interview mit Jerome Reuter von ROME  führen durfte. Stattgefunden hat dies im Rahmen des RUNES & MEN Festivals auf dem ROME am zweiten Tag als Headliner auftraten.  Wieder einmal durfte ich erleben das Musiker doch auch Menschen wie du und ich sind und alle vorherige Nervosität völlig unberechtigt war. Wenn man sich auf dem Hinterhof der Konzerthalle trifft und vor dem eigentlichen Interview gemeinsam über dieses und jenes quatscht und gemeinsam eine Zigarette raucht, dann ist das Eis gebrochen und man fühlt sich sofort zugehörig. So durfte ich ebenfalls sogar die Musiker von OF THE WAND AND THE MOON, DIE WEISSE ROSE und Tony Wakeford von OWLS bzw. SOL INVICTUS kennenlernen, die Hand schütteln und mit ihnen über belangloses Zeug quatschen. Wundervoll…

 

Zuerst einmal vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast für das Interview!

– Ja gern

Beginnen wir mit einer Frage zum neuen Album. Eure Alben haben ja zumeist ein sehr tief verankertes Grundthema. Bei der “Flowers From Exile” mit dem spanischen Bürgerkrieg. Dieses mal lautet der Name “A Passage To Rhodesia”. Was verbirgt sich dahinter?

Im Gegensatz zum  “Flowers” Album hatte dies keinen familiären Hintergrund den es zu erforschen gab. Es war einfach so, dass ich auf dieses Thema rund um den ehemaligen Staat in Afrika gestoßen bin und gemerkt hatte, dass ich davon nicht viel wusste. Aus eigener Neugier habe ich mich damit beschäftigt was dort passierte und hab dann schnell gemerkt, dass dies ein Thema für mich ist, welches ich künstlerisch verarbeiten möchte. Es ging mir darum den diversen Schicksalen der rhodesischen Bevölkerung jeglicher „colour“ sozusagen ein Gesicht zu verleihen. Denn bei genauerer Betrachtung der Geschichte erkennt man dass die Trennlinien zwischen Gut und Böse, Kolonialherr und Unterdrückter, Weiss und Schwarz nie so genau getrennt verlaufen, wie wir das aus unserer heutigen Sicht gerne hätten. Es gab dabei so viele Aspekte von denen ich rein gar nichts wusste.

Man kann es immer schwer erklären was einen an so einem Thema interessiert, aber es war halt bei meiner Recherche so, dass ich auf einige Memoiren gestoßen bin von Leuten, die zu dieser Zeit dort groß geworden sind, nur das Leben dort kannten, in diesen Krieg verwickelt waren und eigentlich erst im Nachhinein erkannt haben was dort alles genau vor sich ging. Man hat ja auch erst ab einem gewissen Alter den Blick dafür was wirklich in seinem Land passiert außer dem was man so im Fernsehen präsentiert bekommt. Insbesondere der Blickwinkel der jungen, privilegierten Generation hat mir gleich die Möglichkeit geboten in den Stoff einzutauchen, ohne mir dabei als Hochstapler vorzukommen – immerhin bin ich auch sozusagen in einem privilegierten westlichen Umfeld groß geworden. Der innere Konflikt hat mich interessiert: einerseits ist man dort geboren und lebt dort, merkt dann aber das auch vieles schlecht ist. Dieses “Schwarz-Weiß-Denken” im wahrsten Sinne des Wortes das absolut relativiert werden muss. Es gab da ganz viele Grauzonen wie halt im Krieg (und im Leben) immer. Sowas wie “Schwarz oder Weiß” oder “Mit uns oder gegen uns” bestimmt natürlich die veröffentlichte Meinung, aber die Realität war doch um Einiges komplexer. Auch war es nicht so dass ein Bürger Rhodesiens automatisch hinter der Regierung stand. Nicht alle waren beispielsweise Mitglieder der “Rhodesian Front”.

 

Hate us and see if we mind – ziert als Schriftzug ein neues T-Shirt, wie dürfen wir diesen Satz verstehen?

Das ist so eine Haltung, die mir immer wieder entgegen trat während der Vorbereitungszeit. Es ist eigentlich ein Spruch den ein rhodesischer Soldat an der Wand einer Hütte in einem afrikanischen Dorf gefunden hatte. Man denkt natürlich zuerst wohl eher dass der Ausspruch auf einen weißen Rhodesier zurückgeht, weil eben diese auch weltweit geächtet wurden – aber dem ist eben nicht so. Eigentlich kommt der Satz von einem Mitglied der schwarzen Zivilbevölkerung. Genau die waren es ja auch, die bei dem Konflikt zwischen den Fronten standen. Da sind die Rebellen ins Dorf gekommen und haben alle erschossen die nicht für die Rebellen einstanden und kurze Zeit später sind dann die (mehrheitlich) weißen Soldaten gekommen und haben die Überlebenden drangsaliert um herauszufinden wo die Rebellen sind.

Auf dem neuen Album sind weit weniger Samples verwendet wie in der Vergangenheit. Hauptsächlich sind diese separat auf dem Bonus Album zu hören. Woran liegt es?

Zu Beginn von ROME gab es parallel immer sehr viele Sound Ebenen die ablaufen, aber auf dem neuen Album reduziert sich das größtenteils eben auf das sogenannte Bonus-Album. Auf dem Stamm-Album sind auch noch einige Sprachsamples drin, aber es wäre einfach zuviel geworden wenn ich das alles auf einem einzigen Album konzentriert hätte.

Zu Beginn sollte eigentlich auch nur eine CD bei rauskommen, aber ich bin halt auf so viel Material gestoßen, welches ich verarbeiten wollte, dass ich schnell gemerkt habe, dass ich wohl am besten eine separate Scheibe mache mit Ambient-Industrial-Collagen in Reinkultur. Es wurde eben recht schnell klar, dass die teilweise sehr langen Passagen die Energie und Dynamik des Albums destabilisieren.

Das Album ist als Package ja extrem opulent ausgefallen. 2 CDs, ein Bildband, eine Vinyl usw. Alex Storm von Trisol Music hat mir erzählt, das die Entwicklung und Herstellung sieben Jahre gebraucht hat.

Stimmt, aber natürlich nicht sieben Jahre nur daran, ich habe in der Zeit ja auch andere VÖs gemacht, aber es fing vor sieben Jahren an, das stimmt schon. Damals hatte ich die Idee und habe Alex alsbald davon erzählt. Er war sofort davon angetan, das war direkt nach dem “Masse Mensch Material” Album. Ich habe begonnen das Thema zu vertiefen und gemerkt, das ist eine ganz große Baustelle, zumal ich da schon das “Flowers” Album angefangen hatte.  Nach “Nos ChantsPerdus”, was ja ein Sequel von “Flowers” war, wollte ich dann daran gehen, habe dann aber wiederum gemerkt, das die vorherige Phase noch nicht abgeschlossen war und habe erst die Trilogie “Ästhetik der Herrschaftsfreiheit” aufgenommen und damit war das Thema Totalitarismus, Anarchismus, Spanischer Bürgerkrieg etc auch endlich mal abgeschlossen.  Dann war 2011 wieder etwas Luft und ich habe richtig losgelegt und auch einen Großteil der Arbeit erledigt, fand dann das Resultat aber dünn bis uninteressant, weil ich nicht noch ein historisches Thema auf ähnliche Weise wie bei den Vorgängern behandeln wollte. Es fühlte sich halt nicht spannend genug an, obwohl die Songs nicht schlecht waren. Aber diese Veröffentlichung sollte halt dem Thema auch in Summe gerecht werden und was Besonderes werden. Aus dieser Unzufriedenheit und Frustration entstand dann kurzerhand das Album “Hell Money”. Worauf ich mich mal mächtig ausgekotzt habe und den obligatorischen Tango mit den eigenen Emotionen und Dämonen freien Lauf gelassen habe.

Es ist in der heutigen Zeit aber auch mutig solch ein teures Gesamtprodukt den Fans zuzumuten, in Zeiten wo immer mehr nur noch digital Musik konsumiert wird. Da muss man sich schon ziemlich sicher sein, dass die Fans gewillt sind so etwas zu kaufen.

Ich muss ehrlich sagen, dass ich so etwas heute nicht mehr machen würde. Ich habe den Alex halt quasi rein geritten, aber der hält halt sein Wort. Wir schmieden oft Pläne zusammen und es ist  sehr angenehm mit ihm zu arbeiten und wenn er was zusagt, dann macht er das auch. Komme was wolle. Auch wenn sich bald herausstellt, das sich das wirtschaftlich nicht unbedingt rechnet.  Bei der heutigen Marktlage muss man eben kürzer und kleiner planen. Künstlerisch passte es dann aber so eine opulente Box zu dem Thema zu machen. Die Box ist zwar gerade erst herausgekommen, aber wir wissen, dass das so nicht mehr passieren wird in der Zukunft, weil der Markt einfach dagegen spricht. Aber das Konzept war halt vor Jahren geschaffen und es sollte auch so umfangreich sein und wie eine Zeitkapsel bzw. wie ein eigenes Universum wirken. Als reines Slipcase oder nur auf MP3 funktioniert das nicht. Das wär Quark. Allerdings ist das Stammalbum so konzipiert, dass es auch autark funktioniert. Man muss ja auch nicht immer die Platte oder was weiß ich lesen um das Album zu kapieren. Aber hier ist das nun mal wirklich ein Gesamtkunstwerk.

Aber man kennt das von früher noch so, dass man sich ein Album gekauft hat, die Musik gehört hat, dazu die Texte gelesen hat und auch die Bilder und die Haptik war sehr wichtig.

Ich bin auch noch aus der alten Schule, wo man sich wie ein Kind gefreut hat, wenn man eine CD oder Platte ausgepackt hatte und dies als Gesamtkunstwerk auf sich wirken lassen konnte. Ich denke, das haben wir mit unserer Box jetzt auch ganz gut hinbekommen, vor allem mit dem extra I-Tüpfelchens- der Vinyl Beilage, wobei die erst ganz spät hinzukam.  Wir hatten eben noch ein paar Millimeter Platz in der Box. Aber wir machen das alles letztlich  für uns selber und sind froh, dass es draußen noch Leute gibt, die das genauso wertschätzen wie wir. Am Ende müssen wir uns selber daran „ergeilen“ können und ich mache halt das, was ich auch selber gern in meinem Regal sehen würde.

Früher habt ihr öfters von der Namensgebung her deutsche Songtitel gewählt, obwohl die Songs dann trotzdem immer in englischer Sprache verfasst waren. Wieso ist das so und warum gab es bisher keinen deutschen Song?

Das liegt daran, dass ich mehrsprachig lebe. In Luxemburg gibt es drei Amtssprachen und ich habe durch meine Arbeit ganz viel Kontakt mit Leuten aus anderen Sprachregionen. Zudem lese ich sehr viel auch in anderen Sprachen und dann gibt es immer wieder Dinge, die mich zu etwas inspirieren und das ist dann vielleicht ursprünglich in Deutsch und hat dann den deutschen Klang und die Assoziationen, etc. Es gibt eben bei jeder Sprache ein gewisse kulturelle Färbung die niemals ganzheitlich übersetzbar ist. Wenn man was Deutschsprachiges aus den 50ern liest beispielsweise, liest man ja auch Kafka, Brecht, Mann und Hesse indirekt mit. Alle Autoren – genauso wie Musiker stehen ja immer in irgendeinem Verhältnis zur literarischen bzw. musikalischen Tradition. Und die Kultur liegt nun mal in der Sprache. Natürlich weiß ich dann auch, dass Leute aus anderen Ländern das nicht so herausfiltern können, weil die nicht den Zugang zu den Quellen hatten, aber das muss man in Kauf nehmen. Genauso haben wir auch französische Titel und das funktioniert dann vielleicht nicht so gut bei dem deutschen Musikliebhabern…oder aber gerade deshalb ganz gut. Aber das ist eigentlich auch ganz schön, weil sich jeder dann seine ganz eigenen Gedanken darüber macht.  Generell war es mir halt wichtig diese Ur-Substanz nicht einfach zu zerstören beim Übersetzen.  Ich wollte immer in Englisch singen, weil das meine Stammsprache ist –sozusagen die Amtssprache von ROME- und es ist am ehesten zu verstehen für die meisten Leute. Gern lasse ich aber auch andere Sprachen mit einfließen, aber das landet dann eher in Samples wie zum Beispiel auf der “Ästhetik”, da sind ganz viele deutsche Sprachsamples verwendet. In Deutsch zu singen habe ich mich bisher noch nicht getraut, es gab schon Ansätze, aber ich wollte nicht nach Xavier Naidoo klingen. „lacht“

Musikalisch wurdet ihr ja auch schon in einige Schubladen gesteckt. Neofolk, Apocalyptic Folk oder Chanson Noir. Kommt das von euch selber oder ist diese Einordnung eher von Außen zugetragen?

Sowohl als auch. Eine wirklich einleuchtende Definition von Neofolkhabe ich bisher noch nicht gelesen und da fallen wir wohl eh stilistisch inzwischen so ein bisschen heraus. Apocalyptic Folk ist ja als eine (vielleicht gar allgemeineren) Genrebezeichnung ebenfalls sehr unübersichtlich. Da nimmt man zwei Bands dieses Genres und die klingen komplett unterschiedlich.  Bei einer Punk Band weiß man da gibt es eine verzerrte Gitarre, nicht mehr als drei Akkorde und das ist die Formel die grundsätzlich immer stimmt.

Die Wurzeln des Projektes ROME liegen natürlich in der Kultur des Industrial/Neofolk und dagegen will ich mich auch gar nicht wehren. Aber ich habe auch von Anfang an beispielsweise Indie Rock und Chansoneinflüsse eingebaut. Ich denke da eben auch an Leute wie Jacques Brel und Léo Ferré… das ist so mein Schule gewesen. Daher kam auch dieser Terminus„Chanson Noir“ von uns selber zu dem Album “Nos Chants Perdus” und zu diesem Zeitpunkt stimmte das auch absolut. Mittlererweile wird mir das aber immer mehr egal, heute Abend spielen wir zum Beispiel alles mit E-Gitarren und es wird sehr laut, sodass sich einige Teile des Stammpublikums wohl ein bisschen wundern werden.  Aber wir haben gemerkt, dass wir uns komischerweise im jetzigen Band Lineup viel näher am eigentlichen Sound bewegen als vorher. Viele Sachen wurden ursprünglich mit E-Gitarre eingespielt, etc.

Gestern gab es hier auch einen großen Break als nach dem urklassischen Neofolk Sound von FIRE & ICE dann SPIRITUAL FRONT folgten und die dann endlich Leben, Energie und Lautstärke auf die Bühne gebracht haben.

Das war bei uns auch genau das gleiche, das wir empfunden haben wenn dann mal ein richtiges Schlagzeug und eine E-Gitarre zum Einsatz kommt, viel mehr transportiert werden kann. Ich war als Jugendlicher auch mit Punk- und Metal- Bands unterwegs und diese Energie ist halt unbezahlbar und das haben wir ein bisschen vermisst bei uns. Die Samples werden inzwischen auch vom Schlagzeuger getriggert und so ist dann alles tatsächlich Live. Alles ist etwas mehr Rock’n’Roll.

Wie hat sich ein Live Auftritt bei euch in den letzten 10 Jahren verändert?

Zuerst gab es bei ROME gar keine Live Konzerte, es war nur ein Studio Projekt in dem ich mich ausgetobt habe. Später kamen urplötzlich Angebote für Konzerte rein, was mich zuerst überraschte und vor das Problem stellte wie ich das dann bitte auf die Bühne bekomme. Es gab zwar immer die Stimme und die Gitarre aber das allein war auf Dauer abwegig. Es gab dann immer nur sehr reduzierte Auftritte die nur wenig Spaß gemacht haben. Nach und nach habe ich dann Freunde von mir hinzugenommen, auch mit vielen Wechseln bis wir dann 2011 angefangen haben als richtige Live Band aufzutreten. ROME ist also von einem Solo Band Projekt  zu einer Live Rock Band geworden. Was aber als ganz normale Entwicklung zu sehen ist. Seit 2011 gab es wiederum auch einige Wechsel im Line-up um schließlich so aufgestellt zu sein wie eben jetzt. Und wie immer hoffe ich, dass es lange so bleibt.

Hast du musikalische Vorbilder?

Immer weniger. Je mehr man selber Musik macht, umso mehr räumt sich das Feld. Genauso wie man nicht mehr persönliche Idole hat. Man eifert halt nicht mehr den Leuten so nach wie früher, weil man etwas reifer geworden ist und gemerkt hat, dass wir alle nur mit Wasser kochen. Und es kommt nicht mehr viel Neues dazu mit der Zeit. Irgendwie ist diese musikalische Entwicklung irgendwann abgeschlossen. Ich habe natürlich meine großen Jugendhelden die ich jetzt aber nicht mehr oft höre, weil ich die so sehr verinnerlicht habe, dass ich die nicht mehr hören brauche und Neues kommt eigentlich recht wenig hinzu. Es gibt sicherlich immer mal wieder eine neue Band von denen ich auch einige Alben kaufe und ganz super finde, aber das ist dann schnell auch wieder vorbei. Ich höre eigentlich recht wenig Musik mittlererweile…ich versuche so wenig wie möglich zu hören. Es gibt noch etwa 10 Künstler die ich höre wenn ich mal was hören möchte, aber das sind seit 20 Jahren größtenteils dieselben.

Heißt das entsprechend auch dass du selber kein Konzertgänger bist?

Ich hab mir eben von diesem 10  die angeschaut die noch leben und gut is… „lacht“. Aber nein, ich habe irrsinnig viele Konzerte besucht, mein ganzes Leben lang schon. Ich war immer Teil irgendeiner Szene, oder hatte Abos in Clubs oder sonst was.

Heutzutage gehe ich nicht mehr auf so viele Konzerte. Wobei man ja auch sagen muss, dass ich jedes Wochenende auf Konzerten bin wo ich selber spiele und da höre ich immer auch andere Bands. Ich arbeite halt in dem Milieu und da ist man so oder so ständig umgeben von Musik. Dazu kommt dass man an den eigenen Sachen arbeitet…oft den ganzen Tag und dann abends vielleicht einfach mal gar nix hören will. Auch nicht Straßenlärm. Dann gucke ich lieber Filme oder lese sehr viel. Daher gibt es auch keine Zeit viel neue Musik zu entdecken so wie früher als man in einen Plattenladen ging (die gibt’s ja eh nicht mehr wirklich) und sich durch die Platten hörte um was zu entdecken. Damals war ich auch noch viel jünger und kannte noch nicht so viel. Mittlerweile glaubt man ja alles zu kennen und wenn mal was neues Gehyptes daherkommt, merkt man sofort die Einflüsse und dann hör ich mir lieber das Original an. Ab einem gewissen Alter hat man das Gefühl alles zu kennen und die Musik, die einen geprägt hat als man jung war, ist und bleibt dann für immer die Religion. Und das geht jeder Generation so. Lemmi von MOTÖRHEAD sagt auch immer, die Beatles, das ist seine Band. Irgendwann sind die eigenen Schubladen halt voll und es passt nichts neues mehr rein.

Jetzt eine Frage, die das Neofolk Genre immer begleitet. Die Außenerscheinung des Genres ist ja sehr oft politisch angeprangert. Auch dieses Festival hat in der Vergangenheit viel Kritik erfahren müssen. Wieviel steckt da aus deiner Sicht wirklich hinter?

Ja, das ist auch von Innen sehr schwer einzuschätzen. Wobei das nicht nur auf diese Szene einzuschränken ist. Es gibt ganz klar auch Bands die eine klare politische Aussage haben. Es gibt so ein paar Kandidaten mit denen ich mich dann auch weigere zu spielen. Da musste ich dann schon Termine absagen, weil dann plötzlich Bands auf der Liste standen, mit denen ich nicht in Verbindung gebracht werden möchte. Aber sowas kann man natürlich auch zu weit treiben. Ich würde schon sagen das Neofolk eine ganz große Grauzone ist was das angeht, was nicht heißen soll das es eine „Braunzone“ ist. Es ist teilweise auch sehr erfrischend, weil man einiges neu definieren muss und althergebrachte Einstellungen vielleicht mal überdenkt. Dazu kommt natürlich, dass es für viele auch einfach nur ne Show ist. Ich glaube, bei ROME war es schon immer so, dass es nicht um die Symbole ging sondern um Inhalte. Ambiguität hinsichtlich einer politischen Ausrichtung gab es bei ROME auch nie. Wir haben immer klar gesagt, dass wir Nazis nicht so doll mögen, ohne uns deshalb vor irgendeinen politischen Karren spannen zu lassen. Wir haben auch nie Probleme gehabt wie vielleicht andere Bands die sich da eher in zum Teil durchaus berechtigtes Schweigen hüllen.

Du hast ja auch noch einige spannende Reisen vor dir auf deiner Tour. Du spielst gern an Orten die auf dem ersten Blick ungewöhnlich sind wie etwa in Polen, Russland oder nun sogar Israel

Also Polen und Russland ist ja nun nicht wirklich exotisch aber, Ja, Mexico, Israel oder auch Vietnam stehen auf der Liste, aber das liegt daran das ich gern reise und es glücklicherweise in diesen Ländern auch Leute gibt die uns sehen wollen. Ich will mich ja nicht ständig selbst umkreisen. Luxemburg ist halt winzig. Da wo ich aufgewachsen bin ist es nur wenige Kilometer bis zur belgischen Grenze, noch weniger zur französischen und nicht mal 50km bis zur deutschen Grenze. und 10km bis nach Frankreich. „Ins Ausland gehen“ hat da nicht die gleiche Bewandtnis wie für jemand in Deutschland oder Amerika. Als kürzlich der Kontakt zu diesem israelischen Promoter aufkam war ich natürlich sofort sehr angetan, weil ich noch nie dort war und das unbedingt mal sehen möchte.  Das gleiche galt letztes Jahr auch für Vietnam oder Mexiko. Hauptsächlich spielen wir aber hier in Europa, ungefähr jedes dritte Konzert findet in Deutschland statt.

Aber das andere Umfeld mit den Menschen vor Ort ist bestimmt auch spannend.

Ja vor allem weil das dann oft auch komplett Szene unabhängig ist. Wenn man dann in Vietnam spielt, schaut das Publikum halt komplett anders aus als hier in Leipzig. Und das ist wunderbar wenn man merkt, dass es auch dort funktioniert. Dann merkt man dass das was man macht, nicht ganz falsch sein kann wenn das auch in einem anderen Kulturkreis funktioniert. Da gibt es dann auch kein Schubladendenken, das ist einfach nur Musik die man einfach mag oder halt nicht. Cool ist es ja für die Menschen wenn da mal einer spielt der von weiter weg kommt, außerdem gibt es dort ja auch nicht diese Szenen, Agenturen und Vertriebe die Konzerte zu einem Alltagserlebnis machen.

Wie stehst du zu Festival oder Open Air Konzerten für ROME?

Passt jetzt auf den ersten Blick nicht, wir haben aber schon einige gespielt und die liefen auch erstaunlich gut.  Wenn das dann nach Nachteinbruch ist, dann stimmt es auch. Wir haben zum Beispiel mal in Portugal auf einem Festival gespielt auf so einer alten Burg, oder in Litauen in einem Wald, da passt das dann doch wirklich gut. Aber wenn das so nachmittags in der Sonne ist, dann ist das nicht so passend, stimmt schon. Ich mag auch den Sound nicht wenn alles so weg fließt. Du hast keine Kontrolle über das Licht und den Sound und bei uns ist das schon sehr wichtig dass es schön dunkel ist. Generell spielen wir eh lieber in so kleinen Clubs wo man alles schön dunkel und laut machen kann.

Und was bringt die Zukunft bei ROME?

Wir haben viele viele Konzerte vor uns weil wir kommendes Jahr unser 10jähriges feiern.  Die schon genannten Termine in Vietnam oder Israel, ganz viele Auftritte in Europa sind geplant wobei noch nicht alles final geplant ist. Das zu planen ist derzeit die Hauptbeschäftigung von mir.

Ok, meine Fragen sind nun aufgebraucht. Ich freue mich schon sehr auf das Konzert heute Abend und bin schon sehr gespannt. Vielen Dank für deine Zeit und Auskunftsfreudigkeit!

Sehr gerne, auch ich hab zu danken. Auf den Konzertabend freue ich mich auch schon und bin gespannt wie alles läuft.

Nachruf:

Der Konzertabend war in der Tat genial und  überraschend zugleich. ROME überraschten mich mit einem sehr rockigen Auftritt, der viele Titel in einem für mich völlig anderen Klang erscheinen ließen. Ich muss allerdings zugeben, dass mir der Akustik-Gitarren-Sound schon etwas gefehlt hat. Aber Jerome hat recht, als Band kann ROME so sicherlich besser funktionieren und den musikalischen Radius erweitern.  Es bleibt also spannend das weitere Schaffen von Jerome Reuter und von ROME zu verfolgen. (michi)

www.jeromereuter.com
www.facebook.com/romeproject 

 

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