ROME
„The Hierophant“
(Melancholic Folk)
Wertung: Empfehlung!
VÖ: 19.12.2025
Label: Trisol Music Group
Am 19.12.2025 hat ROME zwei Alben veröffentlicht: „The Tower“ (Review hier lesen) und „The Hierophant“. Beide Werke weisen gewisse Gemeinsamkeiten auf: Es werden jeweils 10 melancholische Folksongs geboten. Auf Sprachsamples wird komplett verzichtet. Alle Lieder sind sehr melodisch. Auch wegen dieser Gemeinsamkeiten lässt sich nachvollziehen, warum das Label die Alben als „Zwillingswerk“ bezeichnet.
Stilistisch sind beide Alben sehr homogen gestaltet. Trotzdem bietet „The Hierophant“ mehr Abwechslung: Jerome Reuter setzt seine großartige Stimme vielfältiger ein. Bei der Instrumentierung und beim Tempo gibt es mehr Variantenreichtum. Der dramaturgische Aufbau der Songs ist komplexer. Die Energielevel der Lieder unterscheiden sich stärker voneinander. Die dargebotenen Stimmungsbilder erscheinen mannigfaltiger.
Beide Alben sind bedächtige Werke, dennoch wirkt „The Hierophant“ druckvoller. Zudem ist bei diesem Album die Atmosphäre nicht so finster. Es werden mehr hoffnungsfrohe Gedanken und Gefühle vermittelt.
Nach Wikipedia stammt das Wort „The Hierophant“ aus der griechischen Sprache. Wörtlich übersetzt bedeutet es „Enthüller der heiligen Geheimnisse“. Im antiken Griechenland war der „Hierophant“ der ranghöchste Priester. Er besaß angeblich die Gabe, göttliche Weisheiten zu offenbaren. Nur Geistliche, deren Lebensführung tadellos war, konnten in das Amt des Hohepriesters aufsteigen. Wie lässt sich angesichts dieser historisch-religiösen Bezüge die geistige Essenz der 10 Songs zusammenfassen? Es geht darum, den Sinn der Schöpfungsordnung zu suchen, zu finden und zu offenbaren!
Der Titel des Albums wird in bildlicher Form auf der Vorderseite des Covers sehr überzeugend dargestellt. Denn dort ist eine menschliche Gestalt zu sehen, die der Betrachter sofort als hochrangige Priesterfigur wahrnimmt: Die Gestalt trägt ein herrschaftliches Priestergewand und sitzt auf einem Thron. In der linken Hand hält der Hierophant einen Ritualstab und in der rechten Hand einen Schlüssel. Durch den Schlüssel wird der Zugang zur göttlichen Weisheit auf perfekte Weise versinnbildlicht.
Der Opener „Secret Harbour“ verzaubert mit einer besonders warmherzigen Stimmung. Gleichzeitig klingt das Lied sehr melancholisch und bedächtig. Schwungvoller geht es bei „The Harvest Is Not Here“ zur Sache. Im Vergleich zum Opener besitzt dieser wunderschöne Song eine relativ lichte Aura. Mit „Days Of Assembly“ folgt ein sehr ruhiges Stück. Auch weil Reuters Stimme teilweise als Geflüster zu hören ist, wird hier eine geheimnisvolle Atmosphäre verbreitet.
Deutlich dynamischer wirkt „On Sorrow’s Embankment“. Reuters Gesang ist kraftvoll. Seine beschwörende Stimme wird gelegentlich von drängendem männlichem Chorgesang begleitet. Das Klangbild beinhaltet viel Pathos. „On Sorrow’s Embankment“ gehört sicher zu den Höhepunkten des Albums!
Bei „The Chalice And The Blade“ werden sehr beschauliche Klänge präsentiert. Das Lied klingt absolut zauberhaft! Reuters berührender Gesang und sein harmonisches Gitarrenspiel sind im Wesentlichen die Zutaten für dieses wundervolle Musikerlebnis. „The Chalice And The Blade“ wirkt wie das reinste Seelenbalsam! Großartig!
Der energiegeladenste Track des Albums ist „When Light Be Gone“. Hier wird eine dunkle, unheilvolle und dramatische Stimmung verbreitet. Die treibende Musik würde gut zu einem Western passen. Mit „The Great White Hopeless“ wird wieder ein bedächtiger Song offeriert. Die angenehme und eingängige Melodie wirkt einlullend. Noch hypnotischer klingt „My Frail Ambassador“. Die Instrumentierung besteht fast nur aus der behutsamen Singstimme Reuters und seinem besinnlichen Gitarrenspiel. Die verwunschene Atmosphäre wird im Schlussteil verstärkt, weil Reuter seine Stimme im Flüsterton einsetzt.
Eine ungemein einschmeichelnde Melodie bietet „The Gods Are Slow To Forgive“. Tatsächlich ist dieser relativ schwungvolle Song ein echter Ohrwurm! Das Stück verzaubert mit einer besonderen melancholischen Stimmung, die sehr sanft und sehr intensiv wirkt. Auch Reuters einfühlsamer Gesang trägt dazu bei, dass „The Gods Are Slow To Forgive“ eines der stärksten Lieder des Albums ist!
Mit dem feierlich klingenden „Apollo Of Hyperborea“ findet das Album einen überaus würdigen Abschluss. Der behutsame Song besitzt eine versöhnliche und liebevolle Aura. Obwohl die Musik melancholisch wirkt, schwingt ein Gefühl der Hoffnung mit. Diese Ambivalenz spiegelt sich in den Lyrics wider. Am Ende des Lieds singt Reuter mit sanfter Stimme diese Worte: „There´s a price to be paid / For seeing beyond / But our world awaits us to give it form / Now standing on the brink of ruin / Make your aim true and make it new.“
Im Booklet sind alle Songtexte enthalten. Die Texte zu lesen und dabei über die Aufgabe des Hierophanten nachzudenken, lohnt sich. Die Textfarbe ist rot, die Hintergrundfarbe grau. Auf der ersten Seite sieht man die gleiche Priesterfigur wie auf dem Cover. Auch die Farbwahl ist identisch: grau und rot. Der Priester sitzt jeweils vor einem grauen Hintergrund. Die Farbe der CD ist rot. Auch durch die Farben grau und rot wird die Thematik des Albums symbolisch sehr passend dargestellt. Außerdem fällt auf, dass es bei der Gestaltung des Covers und des Booklets bei den Werken „The Hierophant“ und „The Tower“ Parallelen gibt. Hier zeigt sich nochmals, dass die beiden Alben als „Zwillingswerke“ zu begreifen sind.
Fazit: Mit „The Hierophant“ ist Jerome Reuter ein Geniestreich gelungen! Das Album bietet mehr Abwechslung als „The Tower“. Gesang, Instrumentierung, Tempo, Dramaturgie, Energielevel, Stimmungsbilder – das sind die Bereiche, in denen „The Hierophant“ mehr Variantenreichtum offenbart. Zudem klingt das Album druckvoller und hoffnungsfroher als „The Tower“. Trotz der Unterschiede haben beide Werke einiges gemeinsam: Sie beinhalten ausschließlich Folksongs. Auf Sprachsamples wird komplett verzichtet. Die Lyrics sind relativ abstrakt. Beide Alben wirken stilistisch sehr homogen. Die enge Verbindung zwischen den beiden Werken zeigt sich auch daran, dass das Artwork teilweise ähnlich gestaltet ist. Die wichtigste Gemeinsamkeit besteht jedoch darin: Beide Alben sind Meisterwerke! (stefan)
Der Song „The Gods Are Slow To Forgive“ bei YouTube:
