IAN LEDING
„Borkum“
(Dark Folk)
Wertung: Sehr gut
VÖ: 14.11.2025
Label: Eigenproduktion
Webseite: Linktr.ee / Facebook / Bandcamp
IAN LEDING aus Detmold, Gitarrist, Sänger und Songschreiber, ist ein Gothicfolk- und Darkwave-Musiker, der seit 1989 aktiv ist. Er spielt zum einen als Akustik-Duo mit Annie Rose und zum anderen als Full-Band-Lineup in einer klassisch besetzten Rockband. Mit insgesamt fünf Alben und einer EP hat er bereits eine beeindruckende Diskographie aufgebaut und Konzerte in vielen Teilen Europas gespielt. Mit der Vertonung von Gedichten seines Großonkels Fritz Reuter gelingt ihm ein Geniestreich der dunklen Folk-Musik. Mit jeder Faser des Gehörs spürt man die Beschäftigung mit dem Werk des Autors, der der diese in den 1920er Jahren verfasst hat. Fritz Reuter hat sich 1927 auf Borkum suizidiert. Und man dürfte wohl heuer feststellen, das Texte und Lebensende eine gewisse Kausalität aufweisen.
Gleich zu Beginn erklingt mit „Liebesprobe“ ein bedrückender Text, der in sich auch immer ein wenig Todessehnsucht beinhaltet. Nicht nur hier bricht sich eine Hoffnungslosigkeit bahn, die ihres gleichen sucht. Dieses wortgewaltige Gedicht wird fast warm ummantelt. Die musikalische Untermalung ist ein „an die Hand nehmen“ der Traurigkeit.
„Wandern muss ich noch, rastlos in weglose Weiten, Den andern mein Blut als Labtrunk bereiten“
Das folgende „Gelübde“ ist ein wenig härter gerifft und liefert einen kleinen Kontrapunkt. Wenn man denkt, der Trübnis ist Genüge getan folgt das tieftraurige „Mutter, ich hab deinen Jungen gesehn“. Ian wird hier von Annie unterstützt und zelebriert dem Stück einen würdevollen Ausklang.
Grandios, wie Text und Musik in „Das Wrack“ zu einer Einheit werden, welche den Hörer fesselt. Trotz der beklemmenden Atmosphäre hat dieser Song etwas Erhabenes. Man ist quasi Teil eines Requiems, dessen Eleganz die Trauer jeder Witwe manifestiert. Das Verlieren des Liebsten ans Meer in fast geborgener Harmonie dargeboten. Ian gelingt es dabei, sowohl die Trauer als auch die Sehnsucht mit fesselnder Stimme zu genieren. Fast unaufdringlich lässt er seine Stimmbänder genau die Melange aus Trübsinn des Textes und Bewunderung des Ausdrucks in die Gehörgänge tröpfeln. Jedes Wort und jede noch so kleine Anekdote in der Stimme berühren den Hörer zutiefst. Es ist ein voluminöses Mitgefühl, welches im Hörer erzeugt wird, der im Verlauf fast ein Gefangener der Gedichtsammlung wird. Reuter ist ein Meister der wenigen Worte, er braucht nicht dieses Ausholen, bestes Beispiel dafür die Beschreibung dieses Wracks inmitten der tosenden See.
Düster und mit einer hingebungsvollen Melodie bedacht erklingt mit „Kamerad Tod“ der längste Text. Das Stück wurde in Kollaboration mit KAELTE aus Leipzig gemacht. Wie ihr euch denken könnte, ist der Titel keine Aussage, sondern hier geht es darum, dass man den Gevatter Tod als Kameraden zu sehen.
Am Ende betrachtet das verführerische „Abendlied“ den Tod von einer hingebungsvollen Seite, nämlich als Erlösung. Hier könnte man durchaus Parallelen zu Jean Amery („Hand an sich legen“) sehen. Ein in tiefer Melancholie badender Song voller wehmütiger Eleganz. Minimalistische Tragik in Vollendung.
Fazit: Ein durch und durch depressives Werk, dessen kühle Eleganz irgendwo bei Cioran ein maritimes Zuhause findet. Hoffnungslose Schönheit gebart auf den Altar der Lebenden, die ihre Trauer mit dem Makel des Wegschauens bedecken und gleichwohl mit einem Lächeln den Hut ziehen und versuchen die Asche zu streicheln. Die Gedichte sind in ihrer Tragik und in ihrer fast liebevollen Beschreibung des Schrecklichsten schon markant, IAN LEDING macht daraus etwas ganz Besonderes, was einen kleinen Schritt weiter geht, als Bewunderung. Die Interpretation (Stimme, Klangfarbe, Ausdruck) scheint so perfekt die Gefühlswelt von Reuter zu präsentieren, dass man sich verstecken möchte, während im Vordergrund die Trauer zur Hochschätzung für einen Künstler der Sprache wird. (andreas)
