INTERVIEW, TOP THEMA

IAN LEDING :: Inselgefühle

Ian Leding hat mit „Borkum“ ein ganz besonderes Folk Noir Werk verfasst. Ein fesselndes, erhabenes Kleinod voller Gefühl, dessen Eleganz und Ausdrucksstärke, den Hörer sprachlos zurücklässt. Ian versteht es, mit seinem Gesang und seiner akzentuierten Instrumentierung dem Psychodrama alter Zeiten einen würdigen Rahmen zu verleihen (Review hier lesen). Hinzu kommt die Tatsache, dass aktuell bereits seine nächste Veröffentlichung vor der Tür steht. Nicht minder gelungen, aber wohl eher eine andere düstere Musikgemeinde ansprechend. Grund genug für ein kleines Interview zwischen den Veröffentlichungen. (andreas)
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Zunächst Glückwunsch zu einem ganz besonderen Werk. Wie bist du bisher mit den Reaktionen zufrieden?

Hab vielen Dank! Ja, ich bin durchaus mit den Reaktionen zufrieden. Wobei ich zugeben muss, dass ich zu den Reaktionen der Menschen, die unsere Musik hören, sei es live oder über „Konserve“, ein ambivalentes Verhältnis habe. Einerseits freue ich mich über positives Feedback, ich meine, wer freut sich nicht über Lob? Andererseits mache ich, machen wir, genau das, was wir machen müssen. Und da ist nicht die Maßgabe, dass unsere Musik gefallen muss. Im Grunde ist es immer irgendwie ein Angebot an den Hörer, die Hörerin: Hier, das haben wir gemacht, hör gut hin! Vielleicht gefällt es dir, vielleicht auch nicht. Ist beides in Ordnung.

 

Kannst du kurz beschreiben, wie du auf das Werk deines Großonkels gestoßen bist?

Ich war 14 Jahre alt, als meine Eltern die Wohnung meiner verstorbenen Großmutter väterlicherseits aufgelöst haben. Auf dem Dachboden stand eine alte Kiste mit dem Nachlass meines Großonkels, ihres Bruders. Darin Tagebücher, Briefe und viele andere Schriften. So kamen die Gedichte, die auch darin enthalten waren, zu uns.
Ich persönlich befasse mich erst seit etwa 15 Jahren mit ihnen. Also seit etwa der Zeit, als ich nach langer Pause wieder angefangen habe, eigene Musik zu schreiben und zu spielen.

 

Waren die Gedichte und das Leben von Friedrich Reuter Thema in der Familie und wie wurde damit umgegangen?

Nein, sie waren kein Thema. Es hieß immer, Onkel Fritz wäre im Ersten Weltkrieg gefallen. Erst als meine Großmutter schon sehr alt war, kam sie langsam mit der Tatsache heraus, dass ihr Bruder sich das Leben genommen hatte. Er habe sich auf Borkum erschossen. Mein Vater konnte das erst gar nicht glauben, da es, wie gesagt, immer anders erzählt wurde. Der Hintergrund ist wohl der, dass es im Todes-Jahr 1927 eine Schande für die Familie war, wenn es in ihr einen Selbstmord gegeben hat. In der Todesanzeige war von „tödlich verunglückt“ die Rede.

Auf Bandcamp sprichst du von einem „intimen Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart“. Kannst du das näher beschreiben?

Ich habe sehr lange gebraucht, mich musikalisch seinen Texten, seiner Lyrik zu nähern. Zum einen ist mir sehr schnell klar geworden, dass es sich wirklich um Lyrik handelt – ich halte mich selbst für einen schlechten Texter – und zum anderen ist da das Werk meines verstorbenen Großonkels. Ich habe keine Möglichkeit gehabt, mit ihm darüber zu sprechen, mich mit ihm auszutauschen. Aber ich sah und sehe in seinem Werk eine bestimmte Verbindung zu mir selbst, die ich schlecht in Worte fassen kann. Ist es diese Traurigkeit, diese Melancholie? Es ist wohl mehr, als nur das.

Ich glaube genau das ist der intime Dialog mit Fritz, den ich ihm eingegangen bin. Ich halte seine Texte in den Händen und gebe ihnen das, was ich als Künstler geben kann: Gitarre und eine Stimme.

So findet ein Dialog auf anderer Ebene statt. Ich weiß nicht, wie ich es besser beschreiben soll.

 

Dein Großonkel hat sich suizidiert. Glaubst du, die Gedichte und die Tat bedingen einander? Waren es evtl. Hilferufe?

Das kann man durchaus so sehen. Es sind schrecklich düstere Gedichte und Schriften, die er verfasst hat. Allerdings nicht nur, das muss man auch sagen. Einiges ist sogar sehr humorvoll und zum Teil frivol.

Man muss auch dazu in Betracht ziehen, dass Onkel Fritz Unteroffizier im Ersten Weltkrieg war und er den unbeschreiblichen Horror des Krieges direkt erlebt hat. So etwas wie PTSD oder andere auf Traumata basierende Krankheiten kannte man damals noch nicht, also gab es auch keine Therapie.

Mit hinzu kam, dass er als eines von fünf Kindern in eine konservative Familie hinein geboren wurde. Aus Briefen geht hervor, dass er so gerne eine künstlerische Laufbahn eingeschlagen hätte. Das war zu der Zeit, also zwischen den Weltkriegen und hier „auf dem Land“ (er stammt aus unserer Nachbarstadt Lemgo), nicht denkbar. Also lernte er etwas „anständiges“.

Alles das hat sicherlich dazu beigetragen, dass er am Ende keinen anderen Ausweg mehr gesehen hat.

„Grandios“ in diesem Zusammenhang finde ich den Schlusssong „Abendlied“, welches in bedrückender, dennoch unnachgiebig empfänglicher Weise den Tod annimmt, oder wie siehst du diesen Text und woher stammt der Ausdruck „der große Stunder“?

Das sehe ich auch so. Der Tod als der große Erlöser. Das Aufgehen ins große Nichts. All das beschreibt Onkel Fritz da sehr eindrücklich. Mit dem großen Stunder meint er entweder den Tod selbst, als eine Entität, die mit ihrer großen und endgültigen Macht alles stundet, was vorher war.

Oder man betrachtet es im christlichen Sinn: Gott, der die Sünden vergibt.
Wobei aus den Schriften sehr klar wird, dass Fritz nicht gläubig gewesen ist, im Gegenteil.

 

Leider scheint Friedrich Reuter weitgehend unbekannt zu sein. Gab es je Buchveröffentlichungen?

Es gab Bestrebungen, seine Werke zu veröffentlichen. So gibt es Abschriften seiner in Sütterlin handgeschriebenen original Texte. Mit der Schreibmaschine versteht sich. Aber mit seinem Tod ist es nicht mehr dazu gekommen.

 

Wäre er ohne den Nachlass von Otto Franzmeier der Nachwelt erhalten geblieben?

Ja, das wäre er, da wir seinen persönlichen Nachlass haben. Sein damaliger Freund Otto Franzmeier hatte Onkel Fritz wohl darin bestärkt und unterstützt, seine Werke zu veröffentlichen. Beide waren im Regen Austausch per Brief und sehr wahrscheinlich auch persönlich.

Otto Franzmeier ist ja durchaus als Heimatdichter bekannt geworden. Aber leider hatte er sich mit Aufkommen der Nazis genau diesen angeschlossen, wie so viele andere auch.

 

Etwas Besonderes ist durchaus die physische Veröffentlichung: Eine auf 100 Stück limitierte MC. Was steckt dahinter?

Wir haben nach einer besonderen Form der Veröffentlichung gesucht. Passend wäre da wohl eher eine Schellackplatte gewesen, da dies das Medium der 1920er Jahre gewesen ist. Aber schlussendlich fanden wir eine Audio-Kassette sehr passend. Sie ist eine Reminiszenz an meine eigene Jugend und damit an all die Träume und Wünsche, die man mal hatte. Womit wir wieder beim intimen Dialog wären. Die Kraft der Jugend, die Tatkraft, die damit einhergeht. Alles das ist mit eingeflossen in die Produktion der Kassette.

Mitte April erscheint dein nächstes Album. Diesmal mit „Full Band Line Up“ und mit anderer Musik. Wie würdest du das Werk anpreisen?

Wenn du auf elektrische Gitarren, Bass und echtes Schlagzeug stehst, ohne Programming, ohne Einsatz künstlicher Intelligenz, wenn du die Dynamik einer wirklichen Rockband suchst, dann wirst du hier fündig werden. Manch einer wird sagen, dass das doch altmodisch ist, dass elektronische Musik auf unseren Bühnen doch viel angesagter ist und dass ich da wie ein alter Dinosaurier denke. Vielleicht ist das richtig. Aber ich kann nicht anders. Ich bin Musiker geworden, um live auf der Bühne zu stehen und dort live meine Musik zu spielen. Nichts anderes kommt für mich in Frage, als dass alles, was im Publikum zu hören ist, live auf der Bühne erzeugt wird. Da bin ich gerne Dinosaurier.

 

Was steckt hinter dem Titel „Wake up“?

Das Stück „Wake up“ ist das aller erste Stück gewesen, welches ich nach langer langer Pause von der aktiven Musik geschrieben habe. Das war 2010.
Gegen Ende der 1990er Jahre war ich zutiefst frustriert und enttäuscht von allem, was mit meiner Musik zu tun hatte. Die damalige Band zerfiel und damit meine Motivation. Also hörte ich mit all dem auf. Erst viele Jahre später bemerkte ich, dass da wohl doch noch ein kleiner Funken in mir überlebt hat. Dies führte schließlich dazu, dass ich wieder musikalisch aktiv wurde. Und zum ersten Mal auch anfing, meine eigene Stimme zu entdecken. Auf der Gitarre fühlte und fühle ich mich sicher. Das ist total selbstverständlich. Aber als Sänger? Das war neu für mich und ich habe Jahre gebraucht, um wirklich zu meiner Stimme zu finden. Ich empfinde diesen Vorgang übrigens immer noch so und als nicht abgeschlossen.

Kurz gesagt: mit „Wake up“ bin ich zurück gekommen. Mit dem, was ich schon lange konnte und mit neuem: meiner Stimme. Warum wir das Stück erst jetzt aufgenommen haben? Über 15 Jahre nach dem ersten Demo? Ich kann es nicht sagen. Es brauchte wohl seine Zeit. Dinosaurier denken und handeln da wohl sagen wir mal artgerecht.

 

Würdest du sagen, dass dich „Borkum“ beim Texten und Songwriting beeinflusst hat?

Ich glaube nicht, dass Borkum mich da sehr beeinflusst hat. Höchstens, was die Produktion anbelangt. Ich habe in unserem Studio, welches seit 2010 kontinuierlich gewachsen ist, ständig dazu gelernt, neues entdeckt und ausprobiert. Dies ganz besonders in den letzten fünf Jahren. Der richtige Einsatz von Mikrofonen, der richtige Einsatz von Recording-Software und andere Dinge.

Das Songwriting auf Borkum ist wirklich anders, da ich nicht meine eigene Texte mit eingebracht habe.

Es wird ein großes Event in „Die Alte Pauline“ Detmold geben, was darf man dort erwarten?

Die Alte Pauline in Detmold ist unser alter Heimathafen. Da haben wir unsere ersten musikalischen Gehversuche unternommen. Wir haben in der Pauline sogar mal ein ganzes Album aufgenommen, damals in den frühen 1990er Jahren.

Ich bin so froh, dass es diesen besonderen Ort in Detmold immer noch gibt. Detmold hat viel Kultur zu bieten. Theater, Musikhochschule usw, aber wenig Subkultur, wenig für die Jugend und wenig bezahlbare Kultur. Dafür steht die Alte Pauline seit Jahrzehnten. Das ist wirklich wertvoll.

Ich freue mich sehr auf unser Release-Konzert dort. Da schwingt immer etwas Nostalgie mit, klar. Aber andererseits spielen wir dort neue Musik, haben uns immer weiter entwickelt. Es wird ein Abend werden, an welchem wir „alten Hasen“ uns treffen werden, aber auch die Jugend im Dunstkreis der Pauline. Das war schon so bei unserem Borkum Release-Konzert dort. Das finde ich sehr schön.

 

Wenn man dir auf den sozialen Medien folgt, bist du ein politisch denkender Mensch mit klarer Meinung zu aktuellen Themen. Wir stecken gerade zwischen zwei Landtagswahlen im Westen der Republik und blicken angstvoll auf die kommenden Wahlen im „blauen Bereich“. Wie siehst du die aktuelle innenpolitische Lage?

Ich kann als Künstler nicht unpolitisch sein. Das funktioniert nicht. Indem ich Kunst mache und präsentiere, bin ich politisch. Das wollen einige nicht begreifen und verwechseln „politisch sein“ wohl oft mit dem Politikbetrieb in Berlin, in politischen Parteien und so weiter. Aber „politisch sein“ geht ja viel weiter.

Tja, und die aktuelle innenpolitische Lage? Wir erleben ein weltweites Erstarken totalitärer Denkweisen, Dinge, die uns die Geschichte gelehrt haben sollte, geraten in Vergessenheit. Ich glaube, dass das Krebsgeschwür des Rechtsextremismus auch deshalb wieder überall Anklang findet, da es massiv an Bildung mangelt in Kombination mit der Suche nach einfachen Antworten auf die Fragen in einer immer komplexeren Welt. Und dass eine wirkliche Entnazifizierung in Deutschland nie stattgefunden hat. Gleichzeitig wiederholt sich Geschichte mit dem Totalversagen sogenannter konservativer Kräfte und Parteien.

Mangelnde Bildung? Konservative, die mit Rechtsextremisten zusammenarbeiten? Ein Hauch von Weimar liegt da in der Luft, obwohl der direkte Vergleich einer genaueren Betrachtung nicht in allen Punkten standhält. Und wozu Kommunismus führt, haben wir auch gesehen.

Dazu die Bedrohung durch die Klimakatastrophe, der Imperialismus und Nationalismus Russlands, der zum Angriffskrieg auf die Ukraine und Europa führte. Es sind keine schönen Zeiten, in denen wir jetzt leben.

Ich äußere mich sehr klar dazu. Als Mensch und als Künstler. Obwohl es in meiner Musik nicht um diese Themen geht, diese aber sicherlich indirekt mit einfließen.

 

Kommen wir noch mal zu deinem Großonkel zurück. Seine Texte sind stark beeinflusst vom ersten Weltkrieg. Siehst du historische Parallelen zwischen heute und prägnanten Daten der Geschichte?

Wie schon gerade erwähnt: wir lernen nicht aus Geschichte. Zwei Weltkriege, ein Krieg auf dem Balkan sollten uns gezeigt haben, wohin Nationalismus und Diktaturen führen. Jedenfalls in Europa. Dazu noch Glaubenskriege, angestachelt durch religiöse Fanatiker. Bildung, sie fehlt einfach überall.

Mein Onkel Fritz hat vieles davon in seiner Kunst verarbeitet. Er hat unter anderem Gedichte geschrieben, die von seinen Erlebnissen in den Schützengräben Frankreichs 1914 – 1918 erzählen. Diese Gedichte und viele andere seiner Gedanken und Sichtweisen, die aus seinem Nachlass heraus klar werden, wären im Deutschland der 1930er Jahre verboten worden. Diese hat er nicht mehr erlebt, während sein Freund Otto Franzmeier der NSDAP beigetreten ist.