ROME
„The Tower“
(Melancholic Folk)
Wertung: Empfehlung!
VÖ: 19.12.2025
Label: Trisol Music Group
Das Album „The Tower“ führt in eine Welt abseits des Lärms und des Trubels der heutigen Zeit. Die Klänge dieser abseitigen Welt sind ruhig, die Atmosphäre wirkt verwunschen. Das Gefühl, durch eine Traumwelt zu gleiten, ist beim Hören des neuen Werks von Jerome Reuter allgegenwärtig. Tatsächlich gleicht das Musikerlebnis einer Meditation. Meines Wissens gibt es kein ROME-Album, das klanglich so behutsam gestaltet ist.
Der Titel des Albums wird verständlicher, wenn man einen Blick auf das Cover wirft. Der abgebildete Turm ist ein Wehrturm. Das Album ist also nach einem Ort benannt, der Schutz vor Bedrohungen bietet. Und das meditative Wesen der Musik weist darauf hin, wo die Quelle der Widerstandskraft, die durch den metaphorischen Albumtitel beschworen wird, liegt: in uns selbst! Denn die besinnliche Musik und die nachdenklichen Texte laden dazu ein, sich zu vergegenwärtigen, was die Kraftquelle der eigenen Existenz ist. Im Idealfall kann der Hörer durch diese Reflektion einen eigenen spirituellen Wehrturm errichten, der ihm Schutz in bedrohlichen Zeiten bietet.
Die Instrumentierung besteht vor allem aus Reuters bedächtigem Gitarrenspiel und seinem einfühlsamen Gesang. Gelegentlich wabern zarte Synthesizer-Klänge im Hintergrund umher. Der Perkussion-Einsatz ist sehr sanft. Gleiches gilt für das nur selten aufflackernde Bassspiel von Tom Gatti. Auf Sprachsamples wird komplett verzichtet. Das Album beinhaltet 10 Folksongs. Alle Songs wirken wie aus einem Guss. Mir ist kein ROME-Album bekannt, dessen Stil so homogen ist. Die Lieder sind kompakt strukturiert. Das Tempo ist stets langsam. Die Melodien gehen schnell ins Ohr. Zweifellos ist das Wesen dieser Musik in vielerlei Hinsicht minimalistisch.
Mit „The Twine And The Twist“ startet das Album herrlich verträumt. Ähnlich traumverloren klingt auch das anschließende „To The Great Work Only“.
Dann: „Twilight Leaves“ – ein zauberhaftes Lied mit einer besonders intensiven melancholischen Atmosphäre. Die Melodie ist sehr eingängig. Ein Teil des Textes wirkt wie ein Leitgedanke des gesamten Albums: „This Tower is of resistance / Of sovereign right to persistence / Against all conditioned, temporal utility“. Wenn Reuter am Ende des Songs diese programmatischen Worte des Widerstands mantraartig wiederholt, klingt das äußerst berührend – und beruhigend! „Twilight Leaves“ gehört sicher zu den schönsten Liedern, die Reuter jemals geschrieben hat!
Im Anschluss folgt mit „The Lighthouse And The Catacombs“ der elegischste Song des Albums. Hier bezieht sich das verwendete Sinnbild des Turms nicht auf einen Wehrturm, sondern auf einen Leuchtturm. Wegen der besonders herzergreifenden Stimmung zählt dieses Lied zu den Höhepunkten des Albums!
„This Slaughter Behold“ ist ein relativ schwungvoller Track. Die straffe Struktur und die packende Melodie überzeugen sofort. Beim folgenden „Remember To Dare“ geht es sehr gemächlich zu Sache. Vor allem wegen seiner betörenden hypnotischen Wirkung weiß der Song zu gefallen. Diese hypnotische Kraft entfaltet auch das bezaubernde Stück „Mine Were Of Marble“.
„The Baron (Ordeal By Fire)“ ist ein relativ üppig instrumentierter Song. Das Bassspiel tritt erstmals markanter in Erscheinung. Gleiches gilt für das Schlagwerk. Das alles trägt dazu bei, dass dies das kraftvollste Lied des Albums ist. Zudem sorgt die warmherzige Atmosphäre für ein herrliches Hörerlebnis.
Auch das anschließende „Ire And Troth“ verzaubert mit einer sehr gefühlsbetonten Stimmung. Die sanfte Melancholie lässt Raum für hoffnungsvolle Gedanken. Das Album endet mit „This Hour Her Vigil“. Der Song klingt sehr bedächtig und feierlich. Atmosphärisch wird an die zwei vorherigen Stücke angeknüpft, allerdings wirkt dieses Kleinod noch melancholischer.
Alle 10 Lieder gewinnen zusätzliche Strahlkraft, wenn man sich in die gedankenschweren Texte vertieft. Im Booklet sind alle Texte enthalten. Das Booklet beinhaltet nur ein Bildmotiv: Auf der ersten Seite ist der gleiche Wehrturm zu sehen wie auf dem Cover. Das Fundament des Turms besteht aus einem starken und tiefen Wurzelwerk. Das Wurzelwerk gleicht dem eines mächtigen und sturmfesten Baumes. Das ist eine sehr gelungene Darstellung, um den metaphorischen Albumtitel besonders zu betonen. Farblich ist das Booklet sehr dezent gestaltet: Die Textfarbe ist schwarz. Der Turm hat teilweise die gleiche Farbe. Ansonsten ist fast alles in graubeige gehalten.
Fazit: Jerome Reuter legt mit „The Tower“ ein Album vor, das zur Meditation einlädt. Das ruhige Wesen dieser zauberhaften Musik eignet sich bestens dazu, sich auf die eigenen Kraftquellen zu besinnen. Im Idealfall trägt das Hörerlebnis dazu bei, einen eigenen spirituellen Wehrturm zu errichten. Alle 10 Folksongs sind wunderschön – und sie passen auch sehr gut zusammen! Kein anderes ROME-Album ist stilistisch so homogen gestaltet wie „The Tower“. Reuters neuer Geniestreich steht in einem krassen Widerspruch zum Zeitgeist. ROMEs bislang ruhigstes Werk wirkt wie eine Provokation, weil unsere Zeit mehr denn je von Radaubrüdern und Wichtigtuern geprägt ist. „The Tower“ besitzt eine große Strahlkraft. Ein Leuchtturm in der Dunkelheit war ROME schon immer. Doch zurzeit ist die Strahlkraft von ROME besonders wertvoll! (stefan)
