
Bericht über das Konzert von Cryptopsy, 200 Stab Wounds, Inferi und Corpse Pile Am 17.01.2026 In Hannover by (Domenico)

CORPSE PILE
Der Abend beginnt mit einer Band, die theoretisch Brutal Death Metal spielen sollte. In der Praxis tat sie das nur zum Teil. Um genauer zu sein, bestand der Auftritt aus 10 Minuten Brutal Death Metal und 20 Minuten sinnlosem Gelaber.
Wenn ihr meine letzten Artikel gelesen habt, könnt ihr wohl erahnen, wie sehr mich das erfreut hat. Abgesehen davon, dass selbst die 10 Minuten Brutal Death Metal nicht sonderlich inspiriert wirkten, dachte ich für eine Sekunde nicht, am richtigen Ort zu sein. Ich wollte nämlich ein Konzert sehen und keine YouTube-Parodie der modernen Metal-Konzerte, die leider Gottes nicht mehr weit von der Realität entfernt sind.
Fünf Vollpfosten versammeln sich, denken sich vier nichts sagende Riffs aus, labern die Zuschauer mit politischem Bullshit voll und gehen auf Tour mit einer der größten Death-Metal-Bands der Welt: Das klingt wie ein schlechter Witz, ist aber die bittere Wahrheit.

INFERI
Nach dieser beschämenden halben Stunde ging endlich der Death-Metal-Abend los.
Inferi macht kurzen Prozess: kompromissloser Technical Death Metal mit 500 Milliarden BPM und Thematiken über die Nerd-Welt und alles, was sich zwischen Horror und Fantasy bewegt. Das sind schon mal wichtigere und interessantere Themen als der Schei…, den Corpse Pile von sich gab.
Die vier Ausnahmemusiker erlaubten sich eine etwas längere Setlist. Schließlich darf man eine so voller Ideen steckende Band nicht mit 30 Minuten Spielzeit abspeisen.
Oft wird solchen Bands unterstellt, wenig Inspiration zu haben und dass das gesamte Material gleich und eintönig klingt. Bei Inferi ist das jedoch überhaupt nicht der Fall.
Sie fesseln die Zuschauer mit einer überragenden und abwechslungsreichen Setlist, einer grandiosen Bühnenpräsenz und der Attitüde, sich nicht zu ernst zu nehmen – was auch noch von Intelligenz und Demut zeugt.
Highlight des Auftritts waren die technisch anspruchsvollen Soli, die mir den Kopf abschraubten.
Fun Fact: Am Ende des Abends musste ich ein T-Shirt von ihnen kaufen. Nicht nur, weil mir der Auftritt so gut gefiel, sondern auch, weil die Intelligenzbestien, die bei Che Heinz arbeiten, die Heizung auf „Drölf“ gedreht hatten und ich deshalb von Kopf bis Fuß verschwitzt war.

200 STAB WOUNDS
Weiter geht es mit einer Band, die ihrem Namen gerecht wird: 200 Stichwunden! Diese Band live zu sehen, fühlt sich nämlich genauso an, sowohl wegen des gewaltigen Sounds als auch wegen der noch gewaltigeren Mosh-Pits.
Viele halten ihre Art von Death Metal für primitiv und asozial, ich halte sie für grandios, genau wegen der primitiven Instinkte, die sie zum Erwachen bringt.
In diesem knappen Stunde-Auftritt geht es um nichts anderes als Gewalt: gegen alles, gegen alle und gegen sich selbst – Headbangen à la Corpsegrinder, Mosh-Pits ums Überleben, Crowd-Surfen mit der Hoffnung, nicht ins Pit zu fallen, und einfach mal die Sau rauszulassen, ohne sinnloses Gelaber.
Diese brutale Show beweist mal wieder, dass man keine großen Experimente oder beschissene Synths braucht, um geile Musik zu machen.

CRYPTOPSY
Zum Schluss kommt der Headliner, worauf alle gewartet haben: die kanadische Legende Cryptopsy.
Cryptopsy wissen offensichtlich, was die Fans wollen: eine Setlist, die größtenteils aus alten Klassikern besteht, und genau das bekamen wir auch. Die Setlist bestand zu 80 % aus alten Klassikern und zu 20 % aus neueren Veröffentlichungen. Man könnte meinen, dass Cryptopsy uns eine Geschichte erzählen wollte, eine Geschichte, die vor 34 Jahren begonnen hat und bis heute weitergeschrieben wird – voller Gewalt, Brutalität, Blasphemie sowie unvergesslicher Alben und Auftritte.

Einer dieser unvergesslichen Auftritte wurde an diesem Abend präsentiert. Es ist kaum zu fassen, wie Songs, die in einem anderen Jahrtausend geschrieben wurden, immer noch so frisch wirken, wenn sie auf einer kleinen Bühne gespielt werden.
Die 70 Minuten vergingen gefühlt wie 70 Sekunden. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass alle am Ende des Abends Nackenschmerzen hatten, weil sie von dem brutalen Sound von Cryptopsy vermöbelt wurden.
Drummer und Gründungsmitglied Flo Mounier verriet mir nach dem Auftritt, dass er manchmal über sich selbst staunt, weil er in seinem Alter immer noch derartige Musik live spielen kann.
Ich war ebenfalls beeindruckt und mehr als froh, diese Ausnahmeband noch einmal gesehen zu haben.
