GOLDEN APES :: Der wunderschöne Geschmack schwarzer Galle

Online seit 28.04.2017


Die Berliner Formation feiert ihren 18ten Geburtstag und liefert der geneigten Hörerschaft mit “Malus” ein Eigenständchen, welches zum wiederholten Mal geprägt ist, von harmonisierender Melancholie und surrealen Texten. Hinhören und Staunen, Nebenbeihören und träumen, Weghören und versäumen als Säulenphilosophie, welche in der Gesamtheit stimmt und das nuancierte Einzelne mit wohlwollender Tragik integriert. Einfach eine Band oder mehr? Neben einfach Musik, gibt es dieses graduelle Kunstpotential, welches die Band in gestalten von Covern und/oder Konzertplakaten einfließen lässt. Zu guter Letzt organisiert man jedes Frühjahr ein Festival in Berlin. Genug der Worte… viel Kurzweil beim Fragen- und Antwort-Spiel und beim Hören dieser Musik. Und: Socrates hätte mehr Fragen gehabt. (andreas)

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 The Outside’s Inner Life (EP 1999)
 Stigma 3:am (2000)
 Thalassemia – Yesterday and other Centuries (2001)
 Helianthos and the War (2003)
 Structures [The Inner Scars] (2004)
 The Geometry of Tempest (2007)
 Denying the Towers Our Words Are Falling From . (2010)
 Riot (2012)
 The Langsyne Litanies (2014)
 M A L V S (2016)

 

Erstmal Glückwunsch zur Volljährigkeit und zum absolut gelungenen neuen Album. Wie sieht aktuell eure musikalische Gefühlswelt aus?

Vielen Dank, sehr aufmerksam.

Wie es uns gerade geht? Um ganz ehrlich zu sein, waren wir in den vergangenen Tagen dermaßen beschäftigt, dass für eine emotionale Standortbestimmung noch gar keine wirkliche Zeit war!

Bis gerade eben waren wir noch mit dem diesjährigen Dark Spring Festival beschäftigt und schon kreisen die Gedanken wieder vorsichtig um das nächste Jahr, dann haben wir seit den finalen Aufnahmen für MALUS nicht aufgehört weiterzuschreiben und arbeiten derzeit an ein paar interessanten Ideen, des Weiteren schreiben wir gerade an einem exklusiven Track für eine US Kompilation, ach, und ein paar Konzerte waren ja da auch noch. “No rest for the Wicked!“, wie Isaiah einst meinte.

Aber jetzt, im kurzen Moment der Reflexion, denke ich, dass wir jeden Grund haben stolz und geflutet von Glückshormonen auf das vergangene Jahr zurück zu blicken. Die Zeit mit und für MALUS im Studio war aufregend und erfüllend und in jeden Fall wichtig. Menschlich als auch musikalisch. Ich denke wir haben viele weiße Flecke auf der inspirativen Landkarte getilgt und das Ergebnis als auch dessen erzeugte Resonanz machen uns wirklich sehr, sehr glücklich.

Das letzte Interview mit Amboss ist einige Jahre her (2007). Ein Thema war die kaum vorhandene Fluktuation innerhalb der Band. Mittlerweile gab es aber mit dem Ausstieg von Keyboarder/Produzent Sven Wolff eine größere Zäsur. War dies ein besonderer Moment in der Geschichte von Golden Apes?

Wirklich schon 10 Jahre? Himmel, wohin ist all das Wasser geflossen?

Ehrlich gesagt gab es in den vergangen paar Jahren nicht nur eine Zäsur, sondern eine ganze Armada von personellen Veränderungen und Variationen des Dramatis personae. Und natürlich sind es immer Momente, die einen Abdruck hinterlassen wenn eine Person geht, mit der man viel Zeit und viel Weg geteilt hat und in den wenigsten Fällen sind diese angenehmer Natur.

Sicherlich war wenig erfreulich als uns Sven damals, vor nun knapp 7 Jahren seinen Entschluss mitteilte, aber wir haben seine Beweggründe verstanden und akzeptiert und wenn das menschliche nicht darunter leidet, dann findet sich in der Güte der Zeit immer eine neue Tür und ein neuer Weg. So wie es ja auch in diesem Fall gewesen ist. Und bezüglich der Kausalität ist es eh immer wie mit der sprichwörtlichen Medaille. Wäre Sven nicht gegangen, wären wir nie mit Gunter zusammengekommen und ohne Erics Ausstieg wäre jetzt nicht Aris bei uns und ganz ehrlich – ich möchte das Jetzt und Hier auf keinen Fall mehr missen.

 

Gibt es bei euch dieses „Revue passieren“? Oder wird immer nach vorne geschaut?

Ich glaube, dass das eine nicht ohne das andere funktioniert! Woher weiß ich wo vorn ist, wenn ich nicht weiß woher ich kam? Natürlich blickt man auf Passiertes zurück, auch wenn das nicht immer zwingend analytische oder gruppentherapeutische Hintergründe hat. Dinge wie die Arbeit im Studio, bestimmte Konzerte oder manchmal auch nur besonders intensive Momente im Proberaum haken sich einfach fest in der kollektiven Erinnerung, auf sehr angenehme Weise, weil es ja im Endeffekt auch genau jene Dinge sind, um die es bei der ganzen Sache geht, die Gründe dafür, dass man das alles schon so lange macht. Die Belohnung und die Rechtfertigung…

Ich glaube eher, dass das Nach-Vorne-Schauen bei uns kein wirklich konzeptioneller Prozess ist. Unser gesamter Werdegang unterlag nie wirklich irgendwelchen Plänen oder definierten Zielen. Es ist eher ein sich treiben lassen von Neugier und kreativer Ruhelosigkeit, von Impulsen und dem herrlich non-linearen Drehbuch der Geschichte.

 

Was ich faszinierend finde ist, dass ihr trotz einer immerwährenden Fortentwicklung euch immer treu geblieben seid. Gerade in den letzten Jahren waren Änderungen eher nuanciert erkennbar. Gibt es mal den Moment, mit einem Album mal komplett aus dem „Golden Apes Sound“ auszubrechen?

Nun ja, ich wage zu behaupten, dass jene Feststellung bleibeschwert im Auge des Betrachters ruht.

Ich würde schon sagen, dass zwischen „Denying the Towers…“, „Riot“ und MALUS Spektren liegen, aber das ist natürlich rein subjektiv, verbunden mit den Umständen, unter denen die jeweiligen Alben entstanden sind und selbstverständlich ihr inhaltlicher Kern. Aber du hast natürlich Recht, dass es da diverse Stilmittel und atmosphärische Nuancen gibt, die immer wiederkehren, was sicherlich daran liegt, dass wir uns wissentlich keinem Genre verpflichtet fühlen und intuitiv die Musik machen, die für uns Heimat, Hafen und Sprache ist und man dies nie wirklich ablegen kann und sollte. Zumindest nicht, wenn man sich, wie oben erwähnt treu bleiben möchte. Und ein Kriterium, das wir uns und unserer Musik auferlegt haben ist Authentizität, uneingeschränkte Ehrlichkeit und Identifikation mit unserer Arbeit. Also sollten neurologische und biochemische Prozesse irgendwann dazu führen, wird es vielleicht einmal ein ausschließlich der Dodekaphonie gewidmetes Golden Apes Album geben.

 

Wenn wir schon beim Sound sind. Ist „wunderschön“ heutzutage ein passender Begriff? Darf man ihn benutzen, um eure Musik zu beschreiben? Stefan Zweig hat ein Buch mit den Biografien von Kleist, Hölderlin und Nietzsche veröffentlicht, es ist wunderschön geschrieben und beherbergt eine sprachliche Melancholie, welche ihr in eine Melodie verwandelt. Wie sehr ist die „schwarze Galle“ ein Prädikat des Schönen in eurer Musik?

Ja, vermutlich scheint es vergeblich abstreiten zu wollen, dass wir alle scheinbar einen

Überschuss an schwarzer, verbrannter Galle besitzen, der sich ins Blut ergießt. Und unter uns – in Verbindung mit Melancholie gibt es kaum ein passenderes Wort als „wunderschön“. Manche Dinge lassen sich schwer in Worte kleiden und schwerer noch erklären, aber die Melancholie ist ein Ort, zu dem ich immer wieder hingezogen fühle, immer wieder heimkehre und mich jedes Mal seiltanzend sicher fühle. Ein Ort, der für mich allumfassend mit Ästhetik verbunden ist, eine Art emotionaler Goldener Schnitt. Und da jener Gemütszustand kreatives Urmeer ist, erodiert vieles an Sprache und Tönen, wird jenes ästhetische Empfinden und Fühlen zur Matrize des Klangs. So gesehen ist die Melancholie unabdingbarer Bestandteil unserer Musik, allerdings nicht aus Kalkül, sondern aus humoralpathologischen Gründen.

 

Kommen wir mal zu Nietzsche. Euer Bandname geht auf eine Vorrede zu Nietzsches „Zarathrusta“ zurück. Bei manchen Texten hab ich das Gefühl, dass ihr nicht weit weg seid, von Aphorismen aus Nietzsches Spätwerken. Ist der deutsche Philosoph so etwas wie ein ständiger Begleiter?

Willst du Friedrich oder soll ich? Ach du willst lieber zu jenem Pferd dort? Na gut

Ja irgendwie scheint er all die Jahre nie weit weg gewesen zu sein. Damals, als das alles hier im Entstehen begriffen war, da war sein Einfluss und seine Prägung unbestreitbar maßgebend, in Köpfen und in Proberäumen. Und auch wenn im Laufe der Zeit aus einer Doktrin eine Sichtweise wurde, Denkmuster an Teilsummen wuchsen, modifiziert, korrigiert, gefestigt und verworfen wurden und viele der jugendlich-naiven Meteorologien einer analytischen Resignation gewichen sind, so ist tatsächlich viel von dem Inhalierten damals haften geblieben, fließt mit im großen Kopfstrom und wirbelt hier und da immer wieder an die Oberfläche. Und auch wenn seine Präsenz alles andere als konzeptionell ist, so gestehe ich, dass ich mich in seiner Gegenwart sehr wohl fühle…

 

Da ich nicht glaube, dass ihr eure Liebe für die Pomologie entdeckt habt, was steckt hinter dem Albumtitel „Malus“?

28, 11…Wenn ich ganz ehrlich sein soll, dann möchte ich so viel darüber gar nicht verraten. Irgendjemand hat mal gesagt „In der Kunst muss man sich mit den Entdeckungen begnügen und sich vor Erklärungen hüten.“ Und auch wenn das jetzt entweder blasiert oder konspirativ ahnungslos klingt, so finde ich, dass da was Wahres dran ist. Ich mag es wenn bestimmte Bedeutungsebenen vage und chiffriert bleiben und sich Schleier entweder aus dem Kontext heraus, durch Zufall oder vielleicht auch nie lüften (und nicht zufällig ist ausgerechnet der Titelsong ein Instrumentalstück!).Anders als bei vielen vorherigen Alben stand der Titel diesmal relativ früh fest und hatte somit sublimen Einfluss auf Blickrichtungen und –winkel, auf Standorte und inhaltliche Patina, was aber nicht bedeutet, dass er ein Schlüssel und somit ausschlaggebend für das Verständnis von MALUS ist, lediglich, dass er als roter Faden dienen könnte. Aber wer weiß welch interessante Orte man dann im Labyrinth nie entdecken würde!Es gibt eine Geschichte zum Titel, die mit Synchronizität zu tun hat, mit Glaube und mit Sehnsucht, mit einer Erinnerung und einer Erkenntnis…okay, das mag jetzt nicht wirklich hilfreich sein, aber ich schwöre, dass ein Sinn dort ist und ihn zu finden ist leichter als man glaubt.

Interessanterweise stolperten wir in Nachhinein, als der Albumtitel lange gesetzt war, über immer mehr Bedeutungen für das Wort MALUS. Sei es eben die lateinische Bezeichnung für die Pflanzengattung der Äpfel, ein Teil des antiken Sternbildes Argo Navis, über etymologische Pfade aus dem Griechischen die Bedeutung „dunkel“ oder „böse“…nicht das dies in irgendeiner Form zur Sinndeutung des Albumtitels beiträgt, aber ich mag die Verwobenheit der inhaltlichen Textur.

 

Euer Coverartwork ist gelungen, bleibt schlicht und wirkt auf dem ersten Blick wie ein Bilderrätsel. Gibt es Erklärungen und/oder Geschichten zur Entstehung.

Fast schmerzt es mich ein wenig so herzlos zu sein, aber das Artwork steht in unmittelbarer Beziehung zum Albumtitel und nach dem Lesen obiger Zeilen muss ich eidgebunden an die Kreativität und Neugier des Betrachters appellieren. Bilderrätsel trifft es ziemlich genau, da es das Spiel mit Metaphern und Aphorismen auf visueller Ebene fortführt (und eingeweiht fast schon sadistische Freude am Entstehen hatte). Nur…welcher Nebel hat schon auf Dauer bestand?
Aber vielen Dank für das Kompliment.

Die Texte sind geprägt von einer wunderschönen Sprachgewalt, eine Hermeneutik scheint allerdings meist schwer möglich. Wie würdet ihr stilistisch eure Texte einordnen, gibt es evtl. einen „roten Faden“.

Natürlich gibt es einen roten Faden – mich. Meine Empfindungen, meine Wahrnehmungen, die neurologischen Prozesse in mir, der Wechsel von Purin und Pyrimidin auf meinen Nukleotiden und natürlich die Wechselwirkung von Set und Setting, von Autorhythmie und Reflektion. Ich bin nicht wirklich ein Geschichtenerzähler, kein Moralapostel und nicht auf der Suche nach Botschaften und Haltungen, die es zu vermitteln gilt. Im Grunde sind meine Texte nicht mehr als ein eidetischer Abdruck von Ist-Zuständen, von all dem Jetzt gespeist aus Erinnerungen, Ahnungen und der Schnittmenge, die einen so rastlos seien lässt. Und ja, ich weiß, dass die Worte nicht wirklich ein offenes Buch sind, aber das war auch nie die Intention. Das Ganze ist, auch wenn es mir leid tut dieses Klischee zu bedienen, in der Tat eine Art therapeutischer Prozess, eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Kopf. Und als solches kann es nicht den einen Sinn, die universelle Bedeutung geben. Noch nicht mal für mich selbst. Aber der Kompromiss ist, dass ich meine Empfindungen selbst als Orte wahrnehme, als Landschaften, die offen und zugänglich sind, betracht- und begehbar. Ich überlasse es nur jedem selbst was er dort finden und tun möchte. Es ist ein wenig wie das Betrachten eines Bildes. Auch wenn wir es gemeinsam vom selben Punkt aus anschauen, so hat doch jeder seine eigene Geschichte. Und die meine läuft unbeeinflusst jenseits der Leinwand. Und wie nur, wie ordnet man Empfindungen ein?

 

Der Opener „Cedars of Salt“ beginnt mit der Zeile „and so I blame you“. Ist der Song an irgendwen Bestimmtes gerichtet?

Natürlich ist er das. Und so gesehen ist es in Nachhinein fast schon herrlich ironisch, dass nach all der diagnostizierten Introvertiertheit gleich der erste Satz des ersten Songs so offensiv ist! Aber ich hoffe es trifft auf Verständnis, wenn ich jetzt hier nicht mit Namen oder Gesichtern dienen kann. Zumal auch hier die Möglichkeiten zu mannigfaltig sind, um ausschöpfend konkret sein zu können. Ist es ein Selbstgespräch? Ist der Adressat eine Allegorie? Ein religiös eingefärbtes Zwiegespräch? Ein Mensch aus Fleisch und Blut? Wer weiß…vielleicht irgendwie alles gleichzeitig…

 

In „Missing“ gibt es weibliche Backings. Wie entstand die Idee und wie kam der Kontakt zur Sängerin von The Frozen Autumn, Arianna Froxeanne zustande? Steckt zudem eine gewisse Ambivalenz in „Missing“, weicht zum Schluss der Zorn der Trauer?

Ich kenne Arianna schon relativ lange, seit den Zeiten damals, in denen mich meine Pfade musikalisch auch mal in fremde Geographien und stilistische Exotik führten und ich mochte seither was sie mit The Frozen Autumn macht. Wir hatten uns über die Jahre ein wenig aus den Augen verloren, trafen uns aber 2015 bei einem Konzert in Turin wieder und entstaubten Erinnerungen. Im Zuge dessen kam es dazu, dass ich das Artwork für ihre „Time is just a Memory“ EP entwerfen durfte und man sich relativ sicher war unbedingt mal etwas musikalisch gemeinsam zu machen. Und irgendwie kreiste diese Idee wieder im Raum, als wir MALVS´ Rohmixe im Studio hörten und speziell „Missing“ mit seinem direkten, zielgerichteten Worten verlanget nach einer zusätzlichen personellen Ebene. Ich wollte eine Art Dialog, wollte die angesprochene Person hören, mit ihr im selben Raum sein. Und nachdem Arianna im Studio eingesungen hatte (auf die resoluteste, professionellste und dabei charmanteste Art und Weise, die mir je begegnet ist) und ich das Ergebnis hörte, wusste ich, dass der Song ohne sie nur halb fertig gewesen war, er ohne sie den Kokon nie verlassen hätte.

 

Und ja, du hast Recht. „Missing“ ist in der Tat ein sehr widersprüchlicher Song. Manchmal gibt es Menschen, deren Gegenwart einen so glücklich macht, deren Nähe einem das Gefühl von Zuflucht gibt, so vertraut und Heim ist, dass es bekannte Strukturen aufweicht, Dogmen brüchig werden lässt und Horizonte verschiebt. Zustände, von denen man glaubte sie immer gesucht zu haben, die einem aber nun, inmitten ihrer Präsenz mit Zweifeln konfrontieren, mit Angst und der lähmenden Gewissheit sich verirrt zu haben. Falsche Himmel, falsche Orte. Gerade jetzt, oder schon viel früher. Welche Fehler sind unverzeihbarer? Die, die man gerade macht oder jene, die man begreift? Und ja, da ist Zorn und da ist Trauer, und da ist Kummer und da ist Furcht und ich glaube mich zu erinnern, dass „Missing“ an genau solch einen Menschen gerichtet ist.

 

Ein Titel wie „Occam’s razor“ ruft natürlich ein paar Spekulationen hervor. Welche Verbindung gibt es zwischen Titel und Text?

Nun ja, wenn man das Prinzip der Parsimonie auf das einfachste reduziert, dann sagt es ja aus, dass wenn es für die Klärung eines bestimmten Sachverhaltes oder Umstandes mehrere Möglichkeiten zur Auswahl gibt, dann ist jene vorzuziehen, die als die einfachste erscheint.
Für bestimmte Dinge bin ich selber noch auf der Suche nach Theorien, aber der Text kreist um zwei wesentliche, klärungshungrige Sachverhalte:

  • …und darum liebe ich dich
  • …und darum hasse ich dich

 

Der Rest ist interpretationsoffen…..genauso wie auch das grade erschienende Video zum Song.

 

Wie jedes Jahr, richtet ihr das „Dark Spring Festival“ in Berlin aus. Früher dachte ich, dass muss in Berlin ja einfach sein (genug Läden, genug Fans), denke ich heute nicht mehr. Gibt es diese Momente, in denen man denkt, das ist „der Mühe nicht Wert“.

Nein, eher im Gegenteil. Jede der bisherigen 8 Ausgaben hat uns währenddessen und im Nachhinein immer nur mehr darin bestärkt weiterzumachen. Gewiss, es gab Momente, die nicht einfach waren, die arg an Nerven und Idealismus zerrten, egal ob finanzieller oder organisatorischer Natur, aber gottseidank funktioniert der Kopf nun mal so, dass die Zeit aus dem Negativen gnädig und allmählich Farbe und Schärfe entfernt und alles irgendwann entdramatisiert. Nein, natürlich ist so etwas wie die Etablierung eines Ereignisse oder einer Veranstaltung ein Prozess, der ein wenig Zeit braucht, aber wie hatten glücklicherweise von Anfang an ein durchweg positives Feedback, das mit jedem Jahr wuchs und zu dem sich mittlerweile auch ein Form von wirklich schmeichelnder Loyalität gesellt hat, so dass das Worte „Mühe“ fast schon falsche Assoziationen hervorruft. Es sind die Momente am Abend selbst, wenn man die Stimmung inhaliert, die Atmosphäre auf, hinter oder vor Bühnen einatmet, die Gemeinsamkeit durch, mit und für eine bestimmte Form von Musik, die einen nicht eine Sekunde zweifeln lassen.

Und natürlich bedurfte es einer gewissen Erfahrung, die aus der anfänglichen, blauäugigen Idee mal halt ein Festival zu machen nicht zu ziehen war, und gewisser Fehler, die zu begehen sicherlich unumgänglich war (wie das Suchen und Finden einer maßgeschneiderten Location), um nicht ohne Stolz auf das zu blicken, was in den vergangenen acht Jahren passiert ist, aber ich wage zu behaupten, dass wir einen richtigen Weg gegangen sind und die Resonanz der Gäste, egal ob Publikum oder Musiker (inklusive der Schnittmenge) scheint mir ein gutes Stück rechtzugeben.

 

Zeitgleich findet in Essen das Melting Sound Festival statt (mit ebenso großartigen Bands). Glaubt ihr, dass sich die Festivals gegenseitig Fans nehmen, oder sind im Endeffekt die Orte zu weit entfernt, für derartige Überlegungen?

Im Grund ist das Festival an sich, sein Zeitpunkt und somit auch sein Name ja nur einem Zufall zu verdanken, nämlich dass sich uns damals die Möglichkeit bot, aufgrund von Planungsschicksalen eine Veranstaltung im SO36 zu organisieren. Sprich wir hatten einen Termin und circa 2 Monate Zeit und so haben wir mit vereinter Naivität und Idealismus das erste Festival aus der Taufe gehoben. So gesehen gab es anfänglich nicht wirklich ein saisonales Konzept, sondern eher das Diktat eines zufallsbedingten Umstandes. Zu den Beweggründen der Veranstalter des Melting Sounds ihr Festival auf ähnliche Zeiträume zu legen, kann ich jetzt natürlich nichts sagen, aber soweit ich weiß hat man sich nie als Konkurrenz empfunden. Natürlich mag die Geografie eine befriedende Rolle dabei spielen und Gemeinsamkeiten ja auch Sympathie und Solidarität befördern, aber letztendlich zeigt doch der Umstand, dass wir auf unser neuntes Jahr zusteuern und die Damen und Herren in Essen jüngst ihr Triple vollgemacht haben, dass es auch parallel funktioniert. Und ich glaube schon, dass dieses Land groß genug ist für zwei Veranstaltungen mit feiner Musik.

 

Erneut gibt es beim DSF eine gesunde Mischung aus Alt und Neu, wie nehmt ihr zu Bands Kontakt auf und nach welchen Kriterien kommt das finale Programm zustande?

Im Grunde gab und gibt es für die letztendlich Form des Festivalprogramms genau ein fundamentales Kriterium: Wir müssen die Band, oder besser ihre Musik mögen. Und so gesehen hat das Ganze auch ein wenig mit Egoismus zu tun, denn viele der bisherigen Festivalgäste waren dort, weil wir sie live sehen wollten! Ich hoffe nun man verzeiht uns jene egomanische Ader, aber genau die ist ja wiederum dafür verantwortlich, dass eben Bands bei uns spielen, deren Name hierzulande mitunter noch nicht so vertraut ist. Und die letzten Jahre haben uns zu Verstehen gegeben, dass dies einer der Gründe ist warum manch einer das Festival so mag; weil es eben nicht die ewig gleichen Gesichter und Töne sind, sondern durchaus auch Neuland zu betreten ist.

Nun ja und das Vertraute gehört nun mal zur angenehmen Atmosphäre mit dazu. Ich denke es bedarf keiner Erklärung warum zum Beispiel Künstler wie And Also The Trees, Die Art oder Metamorphosen von Garden Of Delight von uns eingeladen wurden, Bands, die ja Teil mancher musikalischen Sozialisierung waren und sind.

Was die Kontaktaufnahme betrifft, so gibt es im Wesentlichen zwei verschiedene Möglichkeiten: Entweder wir arbeiten unseren Wunschzettel ab und fragen bei den Bands ganz simpel nach, oder aber wir hören uns durch die im Laufe der Jahre immer mehr gewordenen Anfragen, denn mitunter soll es ja Berge geben, die zum Propheten kommen!

Im Endeffekt bedarf es immer ein bisschen Kalkül, Zufall und Glück damit ein Line-up rund wird und rückblickend glaube ich, dass wir davon bis dato scheinbar immer ausreichend gehabt haben.

 

Ich kann mich ja irren, aber eine richtige Headliner Tour von Golden Apes hat es nicht gegeben. Belehrt mich eines Besseren oder erklärt mir, woran es scheitert?

Wer bin ich, dass ich belehre?

Aber um deine Frage konkret beantworten zu können, müssten wir uns auf eine Definition einigen. Ist eine Headliner-Tour eine Aufeinanderfolge von Konzerten, bei denen man der Hauptakt des Abends ist? Dann ist dies im fernen, fernen Russland tatsächlich schon passiert. Sollte sich dies aber auf näherliegende Koordinaten beziehen, dann gebe ich dir Recht, aber ich weiß nicht, ob ich der Richtige bin, um ein mögliches „Scheitern“ zu erörtern! Vermeintliche Gründe können andere vermutlich besser aufzeigen.

Aber ganz rational betrachte würde ich vermuten, es liegt an nicht ausreichender Popularität. Ich glaube, wir würden kommerziell enttäuschen und finanzielle Interessen sich im Hintergrund befindlicher grauer Eminenzen eher enttäuschen. Die Gründe dafür wiederum lassen sich von meiner Seite aus auch nur eher vermuten. Hat es qualitative Gründe? Liegt es daran, dass wir nie wirklich in eine bestimmte stilistische Schublade passen wollten und quasi immer zwischen den Genre-Stühlen saßen, den einen zu poppig, den anderen immer zu depressiv waren? Liegt es daran, dass uns der Zugang zu bestimmten „elitären“, trend-indikativen Kreisen fehlte und so uns nie eine offizielle „Coolness“ attestiert wurde, dessen Quittung fehlender Support auf inländischen Tanzflächen war? Ist der Grund, dass wir keine Sonnenbrillen und Hüte auf der Bühne tragen und Lederjacken lieber privat? Dass wir eventuell eher Köpfe als Beine stimulieren und so den Unterhaltungsfaktor drücken? Oder doch unser nicht immer glückliches Händchen bei der Wahl von Plattenfirmen und Booking Agenturen?

Ich weiß es nicht. Und ganz ehrlich – Hätte ich auf all dies eine Antwort, gäbe es die Frage vermutlich nicht!

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