LIVEBERICHT

DE MORTEM ET DIABOLUM 2025 :: Ein grandioses Black Metal Festival (Teil 1)

Livebericht Teil 1
vom DE MORTEM ET DIABOLUM XI
05.+06.12.2025 in Berlin, Orwohaus
(Bericht und Photos by Domenico)

 

EINLEITUNG
Hallo zusammen,
mir sind Transparenz und Ehrlichkeit gegenüber meinen Lesern immer sehr wichtig gewesen. Deshalb nehme ich mir zunächst die Freiheit, eine ernstgemeinte Frage in den Raum zu werfen:
Was erwartet ihr von diesem Artikel? Die Antwort auf diese Frage ist mittlerweile deutlich weniger selbstverständlich als noch vor zehn Jahren.

Aus diesem Grund halte ich es für notwendig, diese Einleitung zu schreiben, um eine klare Ansage zu tätigen:
Wenn ihr jetzt erwartet, dass ich mich darüber beschwere, dass jeder dritte Zuschauer ein Shirt einer „problematischen“ Band getragen hat oder dass ich nach „Awareness“ schreie, weil ein 58-jähriger Penner eine 21-jährige Ukrainerin mit Corpsepaint begrapscht hat, oder dass ich mich wie ein Reggaeton-Sänger aufführen werde, weil eine D-Größe tragende 43-Jährige mir einen geblasen hat, während ich bei TSJUNDER in der ersten Reihe stand – dann könnt ihr gleich aufhören zu lesen und Reddit aufmachen. Dort werdet ihr Inhalte finden, die eher zu euren Interessen passen.

In diesem Artikel wird es nämlich um etwas ganz anderes gehen: um all das Schöne, was die Black Metal Szene zu bieten hat. Das DE MORTEM ET DIABOLUM 2025 war nämlich ein grandioses Festival und verdient einen mehr als erfreulichen Bericht.

 

ULTIMA NECAT

Die Dresdner Black Metal Band ULTIMA NECAT eröffnet das Festival. Der für die Aufteilung zuständige Mitarbeiter hat im Lateinunterricht wohl nicht aufgepasst. Der Bandname bedeutet nämlich so viel wie „Letzte Tötung“. Auf der Bühne steht die Jungfrau Maria zwischen brennenden Kerzen, und allen wird sofort klar, was gleich geschehen wird. In wenigen Sekunden werden wir vom blasphemischen Klang des Old School Black Metals überrumpelt, und die Zeit vergeht wie im Flug. Eine erste Show, über die nicht viel zu sagen ist, die das Publikum allerdings jubeln ließ.

 

NYRRST

Der zweite Slot des ersten Festivaltags ging an die isländische Band NYRRST. Dieses Mal ging es in eine eher melodischere Richtung, obwohl die Augenblicke zum Headbangen nicht gefehlt haben. NYRRST verkörpert quasi das isländische Leben auf ihre eigene Art und Weise: mit einer Musik, die von melancholischen Melodien bis zum hasserfüllten Geballer wechselt. Genau das führte dazu, dass man sich wie auf einer Tour durch Island fühlte, während man sowohl die Kälte des Landes als auch die Hitze der Vulkane ertragen musste und sich nur noch dachte, wie schön das alles ist. Die isländische Szene mag weniger berühmt sein als die der anderen skandinavischen Länder, aber sie ist vollgepackt mit phänomenalen Bands, die definitiv mehr Unterstützung verdient hätten. NYRRST war das beste Beispiel dafür. Diese facettenreiche Show ist eines der Highlights der diesjährigen Edition und wird niemals in Vergessenheit geraten.

 

VORGA

Weltraum-basierte Texte und Shirt-Designs, Laserspiele auf der Bühne und Old School Attitüde – die Karlsruher Band VORGA weiß ganz offensichtlich, wie man das Herz eines Physikers zum Schlagen bringt. Das war schließlich auch zu erwarten, da sie aus derselben Stadt kommen wie eines der wichtigsten Dokumente der Geschichte der Kernphysik: die Karlsruher Nuklidkarte, sowie von einem der größten Teilchenbeschleuniger der Welt, der einfach Katrin genannt wird und eine absurde Transportgeschichte hinter sich hat. „Ähm… Domenico… Das hier sollte ein Bericht über ein Black Metal Festival werden und keine Doktorarbeit… Könntest du dich jetzt bitte auf die Auftritte konzentrieren und das Physikgedöns sein lassen?“ Ja, okay… Dann kommen wir nun zum Punkt: Der Sound von VORGA ist sehr hypnotisch. Man fühlt sich einfach gezwungen, die Show äußerst genau zu beobachten, was durch die oben genannten Laserspiele nicht gerade erleichtert wird. Mit dieser ungewöhnlichen Mischung halten sie die Kraft des Black Metals am Leben und sind immer wieder eine sehenswerte Band, die genauso wie NYRRST nie die Aufmerksamkeit bekommen hat, die sie verdient hätte.

 

OMEGAETERNUM

Was für eine Überraschung! Der französische Newcomer tritt knapp ein Jahr nach seinem Debüt auf dem Mortem et Diabolum auf und liefert eine gewaltige Show, womit die wenigsten gerechnet hätten. Das Album präsentiert einen Sound, der an die Landsmänner DEATHSPELL OMEGA erinnert, mit entsprechend sehr langen Songs, die sich in 40 Minuten kaum unterbringen lassen. Und trotzdem schafften es die Franzosen, uns alle mitzunehmen und zu begeistern – dank einer Bühnenpräsenz, die bei Newcomern selten zu finden ist. Die Länge der Songs wurde zu keinem Zeitpunkt zum Problem, und die Spannung blieb stets hoch – was bei derartigen Auftritten alles andere als selbstverständlich ist. Es bleibt nur die Frage, was OMEGAETERNUM mit mehr Spielzeit erreicht hätte.

 

ARSGOATIA

Nachdem wir über längere Spielzeiten, Physik, fragwürdige Urlaubstipps und den Wachsfetisch der Jungfrau Maria gesprochen haben, ist es Zeit, über das zu reden, was die Black Metal Szene zu dem gemacht hat, was sie ist: Blut, Gewalt, Vulgarität und Satan! Die Österreicher ARSGOATIA schreien „Fickt euch ins Knie!“ ins Gesicht der Leute, die auf Atmosphäre und Melancholie hoffen, und verursachen wortwörtlich ein Blutbad. Von der ersten bis zur letzten Sekunde wird man von der primitiven Gewalt des reinsten Black Metals überrumpelt und bekommt keine Sekunde Luft. Abschließend wurde ein satanisches Ritual durchgeführt, bei dem jede Menge Schweineblut ins Publikum geworfen wurde – ich wurde mehrmals getroffen. Das wird meinen pakistanischen Zimmergenossen mit Sicherheit gefreut haben!

 

SUNKEN

Nach diesem Blutbad wechselten wir erneut die Richtung und begrüßten die Dänen. Sie spielten eine einstündige Show, die zum Träumen einlud. Die Atmosphäre war absolut magisch, fesselnd und faszinierend. Trotzdem vergaß man keinen Moment, auf welchem Festival man sich gerade befand: Trotz der melodischen und atmosphärischen Ausrichtung war die Black Metal Essenz stets präsent. Der übermäßige Einsatz der Nebelmaschine schadete dem Auftritt keineswegs. SUNKEN hat auf jeden Fall die Herzen der Zuschauer berührt. Ich durfte sogar sehen, wie eine oder einer eine Träne zu Boden fallen ließ, und kann mir gut vorstellen, woran das lag. Das war ein Auftritt, der den Black Metal wie ein Gedicht darbot: atmosphärisch, introspektiv, teilweise sogar romantisch. Es ist unfassbar, was diese Musik mit ihren Fans bewirken kann.

 

ELLENDE

Alles, was bisher über Melancholie, Atmosphäre und Romantik gesagt wurde, treibt ELLENDE auf die Spitze. Schon in der ersten Sekunde des Auftritts wird die Seele vom Körper getrennt, und den Emotionen werden keine Grenzen gesetzt. Die österreichische Atmospheric Black Metal Band berührt nicht nur die Herzen der Zuschauer, sondern zerkratzt sie auch und hinterlässt Narben, die niemals heilen werden. Niemand, wirklich niemand, wurde von dieser Ode an menschliche Verletzlichkeit verschont. Die Tränen, die bei SUNKEN geflossen sind, hatten sich nun verdreifacht – ein Beweis dafür, dass sich hinter den ganzen Nieten- und Christenfeindlichen Shirts auch Herzen verbergen. Herzen, die so schwer zu berühren sind, dass nur die besten Künstler es schaffen, was hier geschehen ist. Man könnte sagen, ich müsste zum Dichter werden, um diesen Auftritt zu beschreiben. So sei es! Die Luft wird immer dicker, die von den giftigen Riffs verursachten seelischen Wunden sind noch immer offen und werden von den krächzenden Vocals ohne Gnade vergrößert und infiziert. Obwohl das alles zum Leiden führen sollte, bewirkte es genau das Gegenteil: absolute Ekstase, verursacht durch diese emotional gelandene Spielweise des Black Metals.

 

AUSTERE

Nachdem wir jede Menge Bösewichte mit Corpsepaint, Nieten und Schweineblut beobachten durften, erscheinen diese vier australischen Milchbuben auf der Bühne. Keine Sorge! Das sind keine Future Palace Fans, die sich irgendwie verlaufen haben, sondern der heutige Headliner: die depressive Black Metal Ikone AUSTERE. Ähnlich wie die beiden zuvor auftretenden Bands setzen sie stark auf Emotionen und Atmosphäre und nehmen sich die Freiheit, den Boden des ORWO-Hauses mit weiteren Tränen zu befeuchten. Dieses Mal konnte man deutlich erkennen, dass die Spielzeit länger war als sonst – was dem Auftritt jedoch keineswegs schadete. AUSTERE ist ein Headliner, der uns auf eine gewisse Weise über uns selbst nachdenken ließ: über unsere Stärken, Schwächen, Ängste, Unsicherheiten und alles, was damit verbunden ist. Depressiv und atmosphärisch zugleich, fügte dieser Auftritt uns Schmerzen zu, die uns leiden und gleichzeitig freuen ließen. So ungewöhnlich das alles klingen mag: AUSTERE bewies sich als würdiger Headliner und hinterließ weitere Spuren in unseren Seelen, die nicht so schnell verschwinden werden.

 

ABDUCTION

Es ist 1:00 Uhr, acht Bands haben bereits gespielt, und das Publikum hat sich halbiert. Der eine wird wohl betrunken auf dem Dach des Food-Trucks tanzen, der andere in der Straßenbahn eingeschlafen sein, wieder ein anderer nach Rasierklingen suchen, um sich die Unterarme zu zerschneiden – und so weiter.
Das sind eigentlich die perfekten Bedingungen für einen letzten Auftritt, bevor man ins Bett geht.

Nach viel Atmosphäre, Emotionen und Selbstreflexion kommen die Engländer ABDUCTION auf die Bühne, um uns ein wenig Nackenschmerzen zu bereiten.
Die verbleibenden Zuschauer scheren sich nicht um die Müdigkeit und lassen alle zusammen ein letztes Mal die Sau raus, als würde MARDUK auf der Bühne stehen.
Der Sound von ABDUCTION ähnelt dem der schwedischen Legenden, und ihr Auftritt würdigt die Inspirationsquelle. Fast eine weitere Stunde rohe Gewalt: Riffs, die so klingen, als wären sie vor 30 Jahren geschrieben worden, starke Blastbeats und Vocals, die mit Kraft und Hass ins Publikum geschrien werden – alles, was man braucht, um Black Metal-Fans glücklich zu machen.

 

Nach diesem weiteren grandiosen Auftritt ist erstmal Feierabend: Zeit, ins Hotel zu gehen und auszuschlafen, um am nächsten Tag wieder die Sau rauslassen zu können.

Ein Bericht über den zweiten Festivaltag folgt im zweiten Teil dieses Artikels, der in den nächsten Tagen veröffentlicht wird.

Stay tuned & stay Metal! Bis bald!
Domenico