SOULFLY + INCITE + LODY KONG :: Familienbande


Live im Forum in Bielefeld am 10.10.2012
(Fotos & Text von Chris)

Bielefeld. Die Stadt, die es nicht gibt. Obwohl diese Stadt nichtexistent ist, waren wir gestern dort, um SOULFLY auf ihrer Deutschland-Tour zu erleben. Ein Interview mit Max Cavalera wird in den nächsten Tagen folgen!
Die Fahrt nach Bielefeld gestaltet sich recht abenteuerlich, denn wenngleich die Autobahnen in Deutschland hervorragend ausgebaut sind, führt der Weg uns über Kreis- und Bundesstraßen dorthin. Dass dieser Weg gespickt ist mit Treckern, LKWs und Baustellen macht es nicht unbedingt leichter. Umso so erleichterter sind wir, als wir pünktlich an der Halle ankommen.

Das Forum ist ein kuscheliger Laden, der für vielleicht maximal 400 Leute ausgelegt ist und im Vorfeld hätten wir eigentlich gedacht, dass dieser Ort etwas zu klein für SOULFLY sei. Aber schließlich ist es mitten in der Woche und die Club wird zwar gut gefüllt, aber nicht ausverkauft sein.

“Maximum Cavalera Tour” heißt die Tour, weil Max seine Familie mitbringt…und zwar als Musiker auf der Bühne! Seine jüngeren Kids Igor und Zyon spielen bei LODY KONG und sein Stiefsohn Ritchie ist Sänger bei INCITE.

LODY KONG machen den Anfang und die “Kleinen” machen eigentlich eine gute Figur. Der Reiz des Gigs ist die Tatsache, dass ich den Stil der Band gar nicht genau benennen kann! Sänger und Gitarrist Igor rotzt die Vocals in alter Black Thrash-Manier raus, es wird gethrasht, gezielte Breakdowns werden effektiv eingesetzt, aber man arbeitet auch mit punkig/hardcorigen Elementen, um dann dem Ganzen mit Postrockatmosphäre die Krone aufzusetzen. Also in der Endsumme darf man den Liveauftritt durchaus als krachiger Extremmetal beschreiben. Natürlich merkt man den Jungs das junge Alter an und vor allem am Gesang muss man vielleicht noch etwas feilen, ist er doch über die Zeit recht eintönig. Zyon tritt in die Fußstapfen seines Onkels Iggor und das Potential da ist, kann keiner übersehen, der ihn beobachtet. Aber manchmal fallen klitzekleine Timingprobleme auf und kleinere Unsicherheiten bleiben dem aufmerksamen Beobachter nicht verborgen. Allerdings fallen diese Manko nicht ins Gewicht und er liefert, genau wie der Rest der Band eine solide Vorstellung ab, wobei vor allem der zweite Gitarrist einen sehr fokussierten Auftritt abliefert und mit starken Gitarrenparts zu punkten weiß.
Geil war auf jeden Fall die Action, die überwiegend von Igor und dem Bassisten ausging. Headbangen und beim letzten Song auf den Monitoren herumklettern, inklusive Absturz und Kabel-raus. Somit erinnert mich der Fronter nicht nur optisch an Kurt Cobain. Ausbaufähig, aber durchaus unterhaltsam.

Professioneller geht′s da bei INCITE zur Sache, die von Max′ Stiefsohn Ritchie angeführt wird. Meine Fresse, was hat dieser Typ für eine Ausstrahlung?! Ein Mischung aus Phil Anselmo und Max Cavalera in jungen Jahren. Seine Gestik und vor allem Mimik reißen dich mit und sein Gesang ist kraftvoll und voller Energie.
Die Stageaction stimmt vor allem dann, wenn er mit Bassist Luis zum feinabgestimmten Synchronheadbangen ansetzt. Geil. Aber auch der Rest der Band ist klasse drauf: Gitarrist Gene brilliert des Öfteren mit starken Soli und die Riffs sind einfach stark. Spaß macht auch Drummer Zak, der mit einer Leichtigkeit und manchmal interessanten Choreos die Felle verdrischt und immer wieder Stöcke dreht, hochwirft und fängt.
Musikalisch gibt es einen Mix aus HATEBREED und frühen SEPULTURA (Zitat Kathi) und da ist alles im grünen Bereich. Vor allem sind es auch die verständlichen Texte, die dich einfach dazu bewegen abzumoshen. Es ist schon verdammt selten, dass sich Songs, die ich live das erste Mal höre, wirklich im Ohr bleiben, aber mit “Hopeless”, “Die Alone” und dem Rauschmeißer “Army of Darkness” haben wir gleich drei Hits, die mich seit gestern Abend verfolgen. INCITE muss sich jeder auf den Einkaufszettel schreiben, denn im November kommt das zweite Album raus!

Nach der energetischen Hochleistung von INCITE erwartet man von den alten Hasen von SOULFLY nicht weniger als ein Extrapfund. Aber wenn ich mit der Kritik gleich mal beginnen darf, dieses Pfund bleibt heute in der Garderobe. Den Eindruck, den ich von Max beim Interview gewonnen habe, werde ich auch beim Konzert nicht los: er sieht müde aus. Die Band spielt solide und liefert genau das, was die Fans wollen, aber der berühmte Funke will einfach nicht überspringen. Max nennt uns heute nicht den SOULFLY-Tribe und auch der von Fans geliebte Percussion-Part bleibt leider außen vor.

Aber auch der Gitarrengott Marc Rizzo zeigt heute zwar eine tolle Leistung, aber die Energie, die ihn normaler Weise auf der Bühne explodieren lässt, glimmt nur manchmal auf und seine wilden Sprünge und Drehungen sind heute mehr als rar gesät, dabei ist gerade seine Explosion der wichtige Faktor, der auch den Rest des Publikums durchdrehen lässt. Mir ist auch aufgefallen, dass er gar kein Effekt-Brett vor sich hatte und wer die Songs kennt, weiß, dass sie mit Gitarreneffekten gespickt sind. Des Rätsels Lösung: hinter den Boxen stand ein Kollege, der die Gitarreneffekte von Hand gesteuert hat! Spielerisch hingegen ist er immer noch eine wirkliche Bereicherung für die Szene.
Drummer David Kinkade ist ein formidabler Schlagzeuger, allerdings tritt das Tribal-Drumming deutlich in den Hintergrund und seine Doublebass klackert so getriggert aus den Boxen, das mir als Freund der organischen Musik etwas mulmig wird.
Tony Campos, der Bart des Grauens, ist sowohl am Bass, als auch bei den Backing Vocals ein guter Neuzugang, sorgt er mit seiner kraftvollen Stimme für die nötige Intensität und unterstützt Max ganz hervorragend.

Die Fans feiern aber die Songs zu Recht ab und es wird im Laufe des Abends ein guter Gig, der vor allem von der gelungenen Songauswahl lebt, die alle Epochen der Band abdeckt und auch einige SEPULTURA-Schmankerl bereit hält, allen voran natürlich den Übersong “Roots bloody Roots”, oder “Refuse/Resist”, Territory”, “Arise” oder das schweinegeile “Troops of Doom”. An der Klasse von Songs wie “World Scum” (Live die absolute Tötungsmaschine), der erste Mitsingsong “Blod, Fire, War, Hate” (es ist schon ziemlich schräg, wenn freundliche Leute den Songtitel skandieren…), “Prophecy”, “Primitive”, “Plata o Plomo”, “Defeat U” oder “Frontlines”) gibt es ja nun auch nichts zu rütteln, auch wenn es Menschen gibt, die behaupten, dass sie, sollten SOULFLY mal in ihren Garten spielen, sie die Jalousien runterlassen würden.
Im Laufe des Abends werden die Reaktionen enthusiastischer und dadurch wirkt Max auch gelöster und in seinen Ansagen geistreicher und unterhaltsamer. Höhepunkt ist dann der Jumpdafuckup / Eye for an eye-Part, in dem er mit einem Trikot von Arminia Bielefeld (gibt’s die noch?) auf die Bühne kommt und einen netten Olé-SOULFLY-Chor anstimmt. Da läuft die Band kurzzeitig zu alter Frische auf. Aber im Großen und Ganzen bleibt es bei einem Abend, an den eine Band ein Konzert gibt. Der unbändige Wille, die Weltherrschaft zu erobern, bleibt leider außen vor.
Highlight ist dann aber noch der Song “Revengeance”, den er gemeinsam mit seinen Söhnen spielt, also Igor und Ritchie am Mikro und Zyon am Schlagzeug. Das hat wirklich Charakter und gefällt mir sehr. Gute Sache!


Nach dem eigentlichen Gig verlässt Max die Bühne und der Rest zockt erstmal eine feine Instrumentalversion von IRON MAIDENs “THE TROOPER”, wie geil ist das denn? Auch während des Gigs lässt Max es sich nicht nehmen, den einen oder anderen Bandfremden Song anzustimmen und der BLACK SABBATH-Part animiert eine Person, die lieber unerkannt bleiben möchte, ihr BLACK SABBATH-Shirt in die Luft zu halten…sehr geil!

Dass SOULFLY ganze Festivals zum Kochen bringen können, hat sicherlich jeder schon einmal von uns erlebt, auch wenn in meinen Augen heute nur mit angezogener Handbremse angefahren wurde.

Eine schöne Randerscheinung sind die drei 12jährigen, die es sich in der ersten Reihe gemütlich gemacht haben und zu jedem Song abfeiern, abbangen und dafür auch reichlich von den Musikern mit Lob und kleinen Goodies bedacht werden. Sehr, sehr cool! Respekt auch an die Erziehungsberechtigten.

Der Tag war super, die 280 km haben sich schon aufgrund der coolen Leute gelohnt, die wir getroffen haben und auch wenn wir am Auftritt etwas zu “kritisieren” haben (wir sind ja nun mal Musikkritiker), heißt es nicht, dass wir alle nicht unseren Spaß hatten, wie die Mosh- und Circlepits bewiesen. Und denkt dran: in Kürze findet ihr hier ein Interview mit Max Cavalera! (chris)


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